Lombok kommt meiner Vorstellung vom Paradies schon sehr nahe. Das Äquatorialklima lässt die Sonne scheinen, ein Traumstrand reiht sich an den andern: Weißer, roter, schwarzer Sand, alles da. Wir leihen uns einen Roller und erkunden die Gegend nördlich von Sengigi, wo wir eine saubere Unterkunft zu einem fairen Preis gefunden haben. Die Aussicht vom Malimbu Hill und den anderen Aussichtspunkten ist traumhaft, das Fahren auf der kurvigen Küstenstraße ein Genuss.
Am Pantai Nipah halten wir an und lassen uns zum Frühstück einen Fisch grillen. Dieser Strand ist genau nach unserem Geschmack: Sehr wenig Menschen, aber doch genug Infrastruktur, um Getränke zu kaufen. Weißer Puderzuckersand klebt zwar immer überall und ist deshalb für mich nicht unbedingt ein Muss – aber wenn er schon da ist… Wichtiger sind mir die vorgelagerten Riffe: Superschön. Beim Schnorcheln sehe ich Kugelfische, einen Rotfeuerfisch, blaue Seesterne, Doktor- und Nasenfische… alles auf Armlänge. Unbeschreiblich. Kaum Plastikmüll, weder im Riff, noch am Strand. Nur die kleinen Korallenbruchstücke erinnern an unrühmliche Zeiten, als hier noch mit Dynamit gefischt wurde.
Beim Schnorcheln haben wir heute zwar wieder keine Schildkröten gesehen, und das Sediment war auch etwas stärker aufgewirbelt als gestern, aber: Den Fisch, den wir heute aßen, haben wir uns bei Eddy in der Eisbox ausgesucht und eine halbe Stunde später war er fertig. Frischer und leckerer geht’s nicht. Der Mann hat eine liebe, fleißige Frau, die gut kochen kann, ansonsten lässt er es ruhig angehen. Nein, sagt er mir, er will nicht reich sein. Arm auch nicht, so mittendrin passt es schon. Er hat sich aus angespülten Korallenblöcken und ein paar Bambusstangen einige Sonnendächer zusammengebastelt. Hier verkauft das Paar Wasser, frische Säfte, Fisch. Früher hat er sich auch um die Schildkrötenbabys gekümmert, aber das Konzept hat sich geändert, erfahre ich. Die Verluste waren zu groß, als man die frisch geschlüpften Babys direkt ins Meer brachte. Heute werden die Kleinen ein Jahr hochgepäppelt, damit sie sich besser gegen Seevögel und Raubfische erwehren können, wenn sie in die Freiheit ausgesetzt werden. Bei Vollmond kommen die Schildkröten an den Strand, um ihre Eier abzulegen.
Entlang der Küstenstraße liegen Schutthaufen, immer wieder sehen wir verfallene Ruinen und Schilder: „Land for sale“. Das letzte Erdbeben vom August 2018 hat hier ziemlich stark gewütet. Inzwischen wird überall wieder aufgebaut und repariert.
Pünktlich ist sie, die indonesische Eisenbahn. Auf die Minute. Dafür werden die Passagiere unterwegs fast tiefgefroren. Wir überstehen die kurze fünfstündige Reise dennoch. Surabaya, eine riesige, aber reizlose Industriestadt, soll uns nur als Zwischenstopp dienen. Wir kommen spätabends an, von hier geht morgen unser Flug weiter.
Das ist im Zug nicht erlaubt: Tiere, stinkende Dinge (wie Durian), Waffen, Drogen, im Gang hinlegen.Sonnenuntergang vom Zugfenster aus. Ganz klein der riesige Vulkan Merapi
Per Taxi brauchen wir auch hier zum Hotel doppelt so lange wie geplant, Indonesien ist generell vom Verkehrsinfarkt bedroht. Endlich am Hotel angekommen müssen wir feststellen, dass dieses ausgebucht ist. Nun haben wir eindeutig den Tiefpunkt für heute erreicht. Es ist inzwischen 23.30 Uhr, wir sind müde, durstig und entnervt, das Taxi ist weg, mein strapazierter Bauch schmerzt und nach zwei Tagen ohne Essen fühle ich mich nicht besonders kräftig. Wir stehen erstmal ein wenig verdattert im Dunkeln. Es ist inzwischen fast Mitternacht , das Taxi längst weg. Vor uns eine Mopedwerkstatt, wo ein paar Jugendliche im Licht ihrer Mobiltelefone an ihren Rollern schrauben, daneben ein brennender Müllberg, hinter uns eine sechsspurige Schnellstraße. Per Handyapp suchen wir die Umgebung nach anderen Hotels ab; das erste ist sehr teuer und hat nur noch Zimmer im dritten Stock – ohne Lift traue ich mir das mit dem schweren Gepäck nach den zwei Fiebertagen nicht zu. Das nächste vermuten wir auf der anderen Seite der Stadtautobahn. Also Augen auf und durch: Schauen, sprinten, auf den sehr sportlich dimensionierten Bordstein klettern, kurz ausschnaufen auf dem Mittelstreifen, nochmal schauen, sprinten, Bordsteinklettern, geschafft. Zum Glück gibt es hier keine Leitplanken. Das Hotel hätten wir trotzdem beinahe nicht gefunden, weil der Eingang genauso unbeleuchtet ist wie die Straße: Eine Frau zeigt uns den richtigen Weg. Wo die Unbekannte plötzlich mitten in der Nacht hergekommen war, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls stehen wir kurz darauf endlich in der Lobby. Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Dormitory handelt. Egal, wir würden auch eine Höhle nehmen. Der Schlafsaal duftet nach Kakerlakengift und hat 30 Ein- und Zweibettkojen aus Pressspanplatten mit jeweils einem Springrollo davor. Vor jeder Bettnische stehen Flipflops und Sandalen, aus jedem der Abteile dringen die unterschiedlichsten Schlafgeräusche. Egal, wir wollen nur ein wenig ruhen. Doch auch das ist kaum möglich. Ab drei Uhr beginnen die Ersten aufzustehen und erzeugen dabei die ganze Vielfalt körper- und kulturbedingter Geräusche.
Mordgedanken! Irgendein Idiot hat hier seinen piepsigen Wecker aktiviert und schläft trotzdem friedlich weiter. Es ist 3.45 Uhr. Ich überlege, ob ich aufstehen soll, um ihn bzw. den Wecker auszuschalten, oder doch lieber versuche, das lästige Geräusch zu ignorieren. Endlich endet der Alarm. Ich döse ein. Zehn Minuten später geht es wieder los. Das darf doch nicht sein! Drei Weckeralarme von jeweils unendlicher Länge erlebe ich noch mit, dann ist die Nacht zu Ende – oder bin ich doch noch eingeschlafen?
Die Nacht ist vorbei, das Drama noch nicht: Der Fahrer des Dorms, der uns zum Flughafen bringen sollte, setzt uns am falschen Terminal ab, jetzt wird es knapp. Mit einem anderen Taxi müssen wir nochmal 12 Kilometer durch die schönste Rushhour. Letzten Endes haben wir es geschafft, aber entspannt war die Tour nicht. Dafür haben wir jetzt wieder ein echtes Traumziel vor uns: Lombok.
Dienstag, 13.10.2019 im Zug von Jakarta nach Yogyakarta
Fast eine Stunde brauchen wir mit dem Zug, bis das Stadtgebiet und die Vororte Jakartas hinter uns liegen. Mein Sitzgegenüber, ein sehr freundlicher und kontaktsuchender Mann namens Farid hält mich auf Trab. Er spricht zwar kaum Englisch, ist aber trotzdem sehr gesprächig. Ich bekomme mit, dass er ein Imam ist und sich sehr für die Verbreitung des Islam einsetzt. Gerade kommt er von einer Studienreise aus Pakistan zurück. Erst als wir gemeinsam fotografiert sind, Lebens- und Familiengeschichten ausgetauscht sind, kehrt Ruhe ein und ich kann lesen oder schreiben. Befremdlich dabei: Andrea ignoriert er vollkommen. In Cirebon steigt der Imam aus, bekehrt hat er mich nicht.
Die Landschaft ist weitgehend flach. Den Pflanzen auf den Feldern sowie den Bäumen ist anzusehen, dass hier die Regenzeit bereits dringend erwartet wird. Hellbraun und Ocker sind die vorherrschenden Farben, inmitten der riesigen Reisfelder immer wieder schwarze Brandflächen, wo das Stroh verbrannt wurde. In der Ferne sind erst einzelne Berge, dann eine hohe Bergkette erkennbar. Die Landschaft ändert sich, als wir nach Zentraljava kommen und die Schienen eher Richtung Süden führen: Immer hügeliger wird es, vor Trockenheit fast kahle Wälder wechseln mit landwirtschaftlichen Flächen. Mehrfach überqueren wir fast komplett ausgetrocknete Flüsse. Hinter dem Gebirge wird es wieder flacher. Nach über acht Stunden Zugfahrt rollen wir in Yogyakarta ein.
Yogyakarta ist ein Zentrum der Batik- und Handwerkskunst, außerdem gibt es viele junge zeitgenössische Künstler und Kulturschaffende. Galerien stellen traditionelle und moderne Kunst aus, die Straßen sind voll mit Streetart. Es gibt aber auch viele Nepper und Schlepper: Jeder Taxifahrer scheint es, ist im Nebenberuf Künstler und Galerist, jeder will uns gleich in seine Galerie abschleppen, die angeblich nur noch heute geöffnet hat und in einer halben Stunde schließt. Die 3,5 Millionen-Stadt ist viel übersichtlicher als Jakarta. Wir geraten wieder mitten hinein in einen Riesenrummel: Eine Art Karnevalsumzug lähmt den kompletten Verkehr: Tausende stehen entlang der Strecke, um den Wägen, Sängern, Trommlern und Tänzern zuzusehen.
Wir quetschen uns mit unseren Riesenrucksäcken hindurch. Was gibt es besseres als hungrig, durstig, total verschwitzt und müde dringend ein Klo zu brauchen und sich gleichzeitig durch eine feiernde Menschenmenge zu kämpfen? Ein Taxi zu nehmen, ergibt wenig Sinn – die Autos sind langsamer als wir zu Fuß. Mehrfach bieten sich Fahrradrikschafahrer an, aber wie soll das gehen? Zwei Leute, zwei große Rucksäcke, dazu noch zwei kleine? Unmöglich. Es sind nur fünf Kilometer, aber am Ende sind wir am Ende.
Im ViaVia kommen wir gut unter: Es ist ein Hostelprojekt, welches ethisch korrekte, soziale und ökologische Ziele verfolgt. Mit dem Mietroller steuern wir die Feuertaufe im indonesischen Verkehr an. Es gibt nur eine Verkehrsregel: Keine Regeln! Was die Sache noch interessanter macht, ist der extrem dichte Verkehr. Ich bin inzwischen vollkommen abgestumpft. Wer in Deutschland so fährt, wie es hier alle tun – ich eingeschlossen – würde sofort zurecht aus dem Verkehr gezogen. Rote Ampeln sind eine Art völlig unverbindliche Dekoration des öffentlichen Verkehrsraumes. Überholt wird, wo Platz ist. Wenn zwischen zwei Autos mehr als 50 Zentimeter Raum bleibt, muss man die Lücke nutzen, bevor es andere tun. Geblinkt wird NIE. Der Rückspiegel dient ausschließlich zum Aufhängen des Schutzhelms. Nein, im Ernst: Ich bin „mit Abstand“ der defensivste Fahrer weit und breit.
Der Tempel Prambanan ist zusammen mit dem Borobodur der größte und bedeutendste antike Tempel Indonesiens. Erbaut im 9. Jahrhundert ist er bald nach seiner Fertigstellung verfallen und in Vergessenheit geraten. Er ist eins der wenigen Relikte der hinduistischen und buddhistischen Ära des Landes. Uns gefallen die vielen wunderschönen Tempel durchaus, aber mit Angkor Wat können diese in unseren Augen keineswegs mithalten. Die Steintürme liegen in einem recht sterilen weitläufigen Park – der wilde Dschungel Angkors war eher nach unserem Geschmack.
Wo ist die Mütze?
Das ist wie Lego.
Auch den Borodbodur haben wir angeschaut, er hat uns noch weniger umgehauen. Vielleicht sind wir einfach abgestumpft nach all der Pracht, die wir bisher schon gesehen haben. Die gut einstündige Rollerfahrt zum Borobodur war sehr anstrengend, aber beeindruckender als der Tempel selbst. Zuerst durch die Vorstädte Yogyas, dann zwischen Feldern und entlang an Kanälen, schließlich über Bergstraßen und entlang reißender Flüsse. Der Borobodur ist groß und steinern, die Andenkenläden und Souvenirverkäufer sind zahlreich und aufdringlich. Zurück fahren wir über die „Autobahn“ und geraten in einen Regenschauer.
Ein schreiender Mann sitzt am Fußende des Bettes. Was will er bloß von mir? Er scheint Schmerzen zu haben. Doch da ist noch ein zweiter Mann, er sitzt am Kopfende und versucht den ersten zu übertönen! Als sich noch ein dritter einmischt, dämmert es mir. Es sind die Muezzine, die zum Gebet rufen. Die Nacht endet also abrupt gegen 4 Uhr früh. Etwa eine Stunde dauert das Rufen und Singen, wir sind umzingelt. Von allen Seiten scheppern die lautsprecherverstärkten Gebete. Irgendwann gegen fünf hat es ein Ende und wir schlafen wieder ein. Um sieben dann setzen die Presslufthämmer der nahegelegenen Baustelle ein. Zeit, aufzustehen.
Am Bahnhof treffen wir eine Folkloregruppe
Nach den Zwergenländern, die wir bisher besucht haben, ist Indonesien
ein Gigant. Fast 1800 Kilometer erstreckt sich das Land von Nord nach Süd, von
West nach Ost sind es sagenhafte 5120 Kilometer. Über 700 Sprachen werden von
den rund 280 Millionen Menschen in dem riesigen, fast zwei Millionen
Quadratkilometer großen Land gesprochen. Mit rund 17000 Inseln ist es weltweit
die größte Inselnation, von der Bevölkerungszahl steht es an vierter Stelle. Jakarta
soll die zweitgrößte urbane Zone der Welt sein, Java die am dichtesten
besiedelte Insel. Dennoch gibt es im Land riesige naturbelassene Gebiete und ein
hohes Maß an Biodiversität. Es ist reich an Bodenschätzen wie Öl, Gas, Kohle, Zinn,
Kupfer, Gold und Nickel; die Landwirtschaft produziert Reis, Palmöl, Tee, Kaffee,
Kakao, Gewürze und Kautschuk. Indonesien liegt nahe am Äquator und kennt keinen
Sommer oder Winter, sondern eine Trocken- und eine Regenzeit. Schon immer trieben
die Menschen des indonesischen Archipels Handel mit benachbarten und entfernten
Mächten wie Indien, China; muslimische Handelsreisende brachten schon im 13.
Jahrhundert den Islam, später folgten Europäer und christliche Einflüsse. Heute
sind rund 87% der Indonesier Moslems, und rund 10% Christen. Portugiesen,
Franzosen und Briten kämpften seit dem Zeitalter der Entdeckungen um den
Einfluss auf die Gewürzinseln (Molokken), wobei die Holländer sich am längsten
behaupteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg erstritt sich Indonesien die
Unabhängigkeit. Sukarno, der Vater des modernen Staates, führte diesen
zunehmend in ein autoritäres Regime über, bis er 1968 von Suharto in einem
Militärputsch entmachtet wurde. Es folgte eine Phase des wirtschaftlichen
Aufbaus und trotz grassierender Korruption wurden große ausländische
Investitionen getätigt. Obwohl die Finanzkrise das Land schwer traf und
politische, ökonomische und soziale Instabilität sowie auch Terroranschläge den
Fortschritt bremsten, ist die Wirtschaft sehr stark gewachsen. Das große Erdbeben
und der Tsunami 2004 trafen das Land verheerend, hatten aber auch eine einigende
Wirkung auf die teilweise aufrührerischen Regionen. Seit 2014 regiert der erste
zivile Präsident Jokowi und das Land eilt mit Riesenschritten in die Moderne.
Die rapide Entwicklung und Industrialisierung brachten schwerwiegende ökologische
Probleme: Kahlschlag der Wälder, Überfischung der Meere, Luftverschmutzung,
fehlende Entsorgungskonzepte sowie Probleme mit der Trinkwasserversorgung und
der Abwasserentsorgung. Insbesondere die Palmölindustrie ist verantwortlich für
schwere ökologische und darauffolgende soziale Probleme.
Uns begrüßt Jakarta nach den Problemen mit der Buchung und dem fehlenden Weiterreiseticket erstmal sehr freundlich. Beschwingt verlassen wir den riesigen, hochmodernen Flughafen Soekarno-Hatto. Statt uns in die Hände eines überteuerten Taxis und des unvermeidlichen Stau zu begeben, laufen wir zielstrebig zum Skytrain, der die einzelnen Teile des Flughafen verbindet und fragen uns zum regulären Flughafenbahnhof durch. Bereits hier erfahren wir mehrfach indonesisch-muslimische Hilfsbereitschaft. Eine ältere Dame, verschleiert, bemüht sich in bestem Englisch um uns, mehrere Uniformierte weisen den besten Weg. Im ultramodernen Zug in die Stadt (knapp eine Stunde!) lernen wir Herrn Ally kennen, einen Geschäftsmann im Anzug, CEO einer Umweltfirma. Er bemüht sich, erneuerbare Energien und Abfallwirtschaft in seinem Land voranzubringen. Ich frage ihn, welchen Stellenwert die Themen Umwelt und Klimaschutz für seine Mitbürger haben. Er lacht; so gut wie keinen, meint er. Er kämpfe seit Jahren in seinen Seminaren und Kampagnen gegen Windmühlen. Die Zeit im Zug vergeht wie im Flug und wir stehen bald darauf an einem der vielen Bahnhöfe der Zwölfmillionenstadt. Von hier sind es noch etwa fünf Kilometer zu dem Hostel, das wir uns ausgesucht haben. Weit und breit gibt es kein Tuktuk, kein Taxi. Junge Leute helfen uns zu einem Taxi und bezahlen dieses darüber hinaus noch für uns. Wir sind sprachlos!
Jaksa, eigentlich wollte Andrea dieses Viertel meiden. Vor der einstigen Backpackeradresse Nummer eins warnt der Lonely Planet: Die meisten Hotels seien inzwischen schäbig, wenn nicht sogar schmuddelig. Wir haben abermals Glück, denn nachdem unser Fahrer die Wirtsleute herausgeklopft hat – es ist inzwischen 23.30 Uhr – führt man uns in ein sauberes, schönes Zimmer.
Wir erkunden die zweitgrößte Stadt der Erde erstmal ganz unerschrocken zu Fuß. Rund 15 Kilometer schaffen wir, dann ist Schluss. Zunächst laufen wir in diesem riesigen Ameisenhaufen zu dem richtigen der vielen Bahnhöfe, Pasar Senen, um unser online gekauftes Ticket für die Weiterfahrt am nächsten Tag auszudrucken. Danach wandern wir weiter zum historischen Lapangan Benteng, einem Platz mit alten holländichen Kolonialbauten und dem zweifelhaften Monument zur Befreiung Irian Jayas, welches eigentlich von Indonesien nicht befreit, sondern annektiert wurde. Sämtliche Monumente sind vor allem eins: monumental und außerdem ziemlich hässlich. In der Kathedrale findet gerade eine Hochzeit statt, wir genießen eine kurze Ruhepause in dem klimatisierten Gotteshaus und der feierlichen Stimmung. Weiter geht es zur Istiqlal-Moschee, der größten in Südostasien. Das Nationaldenkmal, ein 137 Meter hoher Marmorobelisk, auch bekannt als Soekarnos letzte Erektion, beeindruckt uns ebenso wenig wie der hässliche Zentralpark Jakartas; im Nationalmuseum finden wir wieder etwas Kühle und Ruhe, bevor wir schließlich wieder durch den unglaublichen Verkehr zum Hostel zurück laufen.
Nun sind wir schon fünf Tage
auf Koh Rong. Man könnte sich an das Leben auf der Insel gewöhnen. Die Sonne
scheint jeden Tag, nachts gibt es einen ausgiebigen Regenschauer. Das Meer ist
so lau, dass das Schwimmen kaum Abkühlung bringt.
Makroplastik am Spülsaum
Müllverbrennung unter Palmen
Dieses Paradies wäre wirklich unfassbar paradiesisch, gäbe es den Menschen nicht. Wir wandern wunderbare Strände entlang, die Sonne und das Meer sind warm, die Laune gut, aber…
Beim Sammeln
Es ist erschreckend, überall die Plastikmüllberge zu sehen. Freilich hat uns der Anblick bisher bereits durch ganz Südostasien begleitet, vielleicht sind wir zwischendrin sogar schon ein wenig abgestumpft? Hier, auf der Trauminsel ist der Kontrast zwischen der natürlichen Schönheit und dem menschgemachten Dreckhaufen aber so krass, dass es mich betroffen, traurig und wütend macht. Egal, wo wir langgehen, treten wir auf Plastikmüll. Am Strand findet sich kein Meter ohne Plastikflaschen, Tüten, Verschlüsse, Trinkhalme, Kunststoffbruchstücke, Fragmente von Plastikseilen und -netzen, unendlich viel Mist dergleichen. Freilich gibt es Strandabschnitte, wo kein Plastik liegt. An diesen Stellen hat nämlich der Restaurant- oder Resortbesitzer vor kurzem erst saubermachen lassen. Doch das Meer spült unermüdlich Nachschub an.
Vom Schwimmen bringe ich einen großen Gewebesack mit und wir sammeln los, bis wir diesen und einen zweiten voll haben. An Säcken herrscht kein Mangel, sie werden zwischen all dem andern Kram mit angespült. Als ich kurz vor einem üblen Sonnenbrand stehe, muss ich aufhören. Etwa zwanzig Meter des Strandes haben wir gereinigt. Das ist nichts angesichts des mehrere Kilometer langen Strandes. Schon gar nicht, wenn ich mir ausmale welcher Bruchteil der Küstenline Koh Rongs, Kambodschas, Südostasiens, der Welt das ausmacht. Egal, wenn wir damit einer einzigen Meeresschildkröte, einem Fisch oder einem Seevogel das Leben gerettet haben, war es das wert. Ein Hoffnungsschimmer kommt zum Schluss noch auf: Gerade als ich genug habe, beginnen zwei junge Frauen und ein Mann, mitzumachen. Ich freue mich und bin gerührt, dass sie meinem Beispiel gefolgt sind. Ja, ich darf ein Foto machen, dann sehe ich zu, dass ich in den Schatten komme.
Übrigens: Der Mist stammt nicht nur aus den Ländern Asiens! Deutschland verschifft über eine Million Tonnen Plastikmüll pro Jahr ins Ausland. Dort landet unser Müll zu großen Teilen in der Umwelt oder wird illegal verbrannt. Jährlich exportieren wir Tausende Tonnen Plastik unter anderem nach Südostasien: Industriemüll, Joghurtbecher, alles was im gelben Sack ist. Was bei uns strafbar ist, gehört hier zur Normalität. Näheres zum Thema sowie Quellenangaben erfährst du unter: Petition „Müll – Made in Germany“ von WeAct. Für uns gibt es nur eine Konsequenz aus dieser Erfahrung: Nichts anderes als ein weltweites Verbot von Einwegartikeln und Verpackungen aus Plastik ist die einzige Hoffnung für unseren geschundenen Planeten. Mikroplastik ist bekanntlich bereits jetzt weltweit in den Meeren zu finden, egal ob Südostasien, Nord- oder Südpolarmeer. Sobald wir zurück sind, wollen wir uns einen plastikfreien Haushalt aufbauen. Für alle, die jetzt denken: „Du armseliger Spinner, willst andere belehren und selber machst du eine Weltreise!“: Ja, wir haben selbstverständlich ein schlechtes Gewissen, aber wir tun unser Bestes und bemühen uns um Ausgleich. Weiteres bitte im Menü oben unter „Klimaneutral Reisen“ nachlesen.
Eine Plastiktüte tanzt im Wind, die Benzinverkäuferin sitzt dick vermummt mit Jacke, Schal und breitkrempigem Hut hinter dem Gestell mit Glasflaschen. Hier gibt es Benzin aus Cola-, Schnaps- und Limoflaschen. Mir läuft der Schweiß herunter. Der Bus steht in der staubigen Glut neben der Straße. Der Fahrer ist, wie bei jedem Halt bisher mit zwei großen Gabelschlüsseln unter das Fahrzeug gekrochen, um etwas festzuschrauben, das sich bald darauf wieder löst. Für die Reise von Kampot zur Fähre hinter Sihanoukville müssen wir hundert Kilometer der schlechtesten Sorte überwinden. Der alte Seelenverkäufer bockt und springt, beim Schalten hört man Knirschen und Kreischen von Metall aus dem Getriebe. Hoffentlich hält die Kiste bis zum Ziel.
Sie hält! Sihanoukville muss
früher ein netter Ort gewesen sein. Jetzt ist es das Letzte! Die Stadt ist
dabei, komplett von rechts auf links umgekrempelt zu werden, oder andersherum.
Jedenfalls stecken die Chinesen hier unglaublich viel Geld herein. Natürlich
nicht ohne Hintergedanken. Bescheiden wie sie sind, beschriften sie ihre Geschäfte
überwiegend nur in chinesisch – Neokolonialismus pur. Glückspiel, Baumafia und
viel, viel Geld sind eine ungute Mischung. Jeder, den wir zuletzt trafen, hat
von einem Besuch der Stadt abgeraten. Alles ist eine Baustelle, die Straßen
sind unglaublich: Achs- und Federbruch sind programmiert. Mehr als Schritttempo
ist nicht drin, die Schlaglöcher sind so groß, dass deutsche Kleinwägen darin Platz
hätten. Es stinkt bestialisch, riesige Müllhaufen türmen sich übermannshoch überall,
wo ein bisschen Platz ist. Augen zu und durch!
Leider müssen wir hier noch
einen Zwischenstopp einlegen, werden dann Richtung Hafen gekarrt und müssen
schließlich noch einen Kilometer durch die brütende Hitze laufen, mit den
schweren Rucksäcken auf dem Kreuz. Die Fähre nach Koh Rong braucht eine knappe
Stunde, endlich sind wir angekommen im Paradies.
Die Kinder haben uns bereits einen Bungalow herausgesucht und reserviert. Wir sind dankbar nach der Tortur. Paradise heißt unser Resort, und wir fühlen uns auch so. Die grüne Insel ist bewaldet mit Dschungel, außen rum Puderzuckerstrand, aber es gibt ausreichend Zivilisation in der Nähe. Was will man mehr? Da noch Nebensaison ist, sind die Preise akzeptabel: Für 24 Dollar haben wir eine schöne strohgedeckte Hütte am Waldrand mit Meerblick. Es gibt einen Ventilator, ein Moskitonetz, eine Hängematte und ein paar Sitzbänke auf der Veranda, aber das beste ist das Naturbadezimmer im Freien. Den ersten Tag verbringen wir mit relaxen, easy-going und chillen. Von mir aus kann es morgen noch so weitergehen.
Heute früh verabschieden wir uns von den Kindern, die nach Koh Rong weiter wollen, wir bleiben noch ein oder zwei Tage hier. Wir ziehen aus der Hütte zurück ins Guesthouse und sind überfroh, zurück in der Zivilisation zu sein: Ebener Fliesenboden! Saubere Fenster, Türen, Wände, Toilette! Steckdosen und Lichtschalter, die funktionieren! Dann fahren wir mit dem Roller zum Popokvil Wasserfall im Bokor Nationalpark. Die Bergstraßen sind ein Genuss! Auch wenn ich noch lieber meine alte Kawasaki unterm Hintern hätte, selbst mit dem kleinen Roller macht es sehr viel Spaß. Und für einen 125er läuft er sehr flott, zwischen den Kurven und Spitzkehren kommen wir immer wieder auf 60 bis 80 Stundenkilometer, und das bei recht steiler Steigung. Die Straße ist so gut wie neu – sonst hätte ich das Tempo hier nie gewagt. Auf halber Höhe zum Gipfel kommen wir in den Regen, aber wir fahren weiter. Die Straße ist extrem kurvig, also aufgemerkt: Wenn du einen Spiegel im Scheitelpunkt der Kurve siehst: Obacht! Wenn du den Spiegel wegen der tiefhängenden Wolken oder wegen des Regens nicht siehst: Doppelt Obacht!
Fast hatten wir schon vergessen, wie sich das anfühlt: Kälte. Am Pass oben sind wir ziemlich durchgeweicht und frieren, kein Wunder im T-Shirt und kurzen Hosen. Aber da steht die Rettung: Ein gigantisches halbrundes Blechdach, rundum gigantisch verglast, davor zwei gigantische Gipspferde, darin ein gigantisches Schnellrestaurant mit ebenso gigantischen Preisen, aber egal. Wir wärmen uns an zwei leckeren Cappucchino, den teuersten Kambodschas.
Kurz drauf lockt uns die
Sonne wieder hinaus: Der Popokvil Wasserfall ist eine Schau, er fällt in zwei Terrassen
über etwa 40 Meter tief ins Tal. Außergewöhnlich ist es, hier von oben an den
Wasserfall zu kommen. Nichts für nicht Schwindelfreie!
Wir fahren noch ein wenig auf
dem Bergrücken herum und entdecken eine furchtbare Bausünde. Hochhäuser mit
leeren Fensterhöhlen, hässliche halbfertige Betonklötze, eine riesige Halle,
Parkplätze für tausende Autos. Wie die Köpfe von Dinosaurierskeletten hängen
rostige Basketballkörbe an schrägen Metallgalgen. Bereits in den 1920er Jahren gab
es hier ein französisches Casino, nun wurde ein neues für die chinesischen
Gäste gebaut. Rund herum war wohl ein gigantisches Ferienareal geplant –
geblieben sind viele Bauruinen. Das meiste steht halbfertig und ungenutzt. So
ist das im Kommunismus: Neue Ruinen kommen zu den alten dazu.
Der Platzregen wird immer
stärker, wir stellen uns unter dem Vordach einer kilometerlangen, leeren
Ladenzeile unter. Der Regen wird zum Starkregen, dann zum Wolkenbruch. Das
Trommeln der Tropfen auf dem Dach macht jede Unterhaltung unmöglich. Wir warten
eine halbe Stunde.
Auf dem Rückweg muss ich
doppelt aufpassen, denn zu der schlechten Sicht kommt jetzt in jeder Linkskurve
ein Ölfilm. Und mein gelber 75Cent Regenmantel löst sich im Fahrtwind auf. Bei
der nächsten Raststation kaufe ich mir einen neuen in blau und ziehe ihn
drüber. Mollig! Erst jetzt fällt uns auf, dass rechts und links entlang den Straßenrändern
überall Schilder stehen. „Stop!“ steht drauf, wie wir uns später von Mama
übersetzen lassen. Wegen der Landminen natürlich.
28.09.2019 Per Taxi sind wir von Phnom Penh nach Kampot im Süden des Landes gefahren, Durchschnittstempo unter 40, ein Schlagloch geht ins nächste über. Vor lauter Staub ist die Sicht derart schlecht, dass man sowieso nicht schneller fahren könnte. Rechts und links der Straße immer wieder überflutete Landschaft.
Mama’s Family Guesthouse
empfängt uns sehr herzlich. Wir chillen den Nachmittag in der Bar am Flussufer.
Jamaika-Feeling am Beach, Rastas mit allem Zubehör, aber auch ganz normale
Leute. Hier sind ein paar Aussteiger hängengeblieben: Der Sachse F. lebt mit
seinem Hund seit zwei Jahren auf diesem Fleckchen Erde. Die Finnen B. und L.
auch schon seit einigen Monaten. Nette Leute, offen und freundlich. Und
anspruchslos. Aber viel herumgekommen sind sie alle nicht, weder in Kambodscha
noch auf der Welt. Im Revierverhalten der Bambushütten-Langzeitmieter entdecken
wir Parallelen zu deutschen Dauercampern: Sitzgarnituren, Blumenkübel,
Zäunchen. Fehlt bloß noch der Gartenzwerg, Dreadlocks hin oder her.
Nie hätte ich diesen Ort
als Dauerwohnsitz gewählt. Trotz aller Schönheit der Natur und des Flusses wäre
es mir hier auf Dauer zu schmutzig, zu schwül und zu heiß. Für den einen oder
die andere ist aber wohl die Verfügbarkeit von Weed das wichtigste Argument für
die Wahl des Wohnorts.
Mit den 125er Honda
Leihroller düsen wir zum Krabbenmarkt nach Kep. Die kleine Stadt liegt direkt
am Meer, von hier wäre es auch nur noch ein Katzensprung nach Vietnam. Das
Angebot am Markt ist riesig, berühmt ist Kep auch für die vergorene Fischpaste
„Cambodian Cheese“, die reinste biologische Waffe. Man muss aber nicht alles
probieren. Vor allem Schalentiere wie Prawns in allen Größen und Krabben, aber
auch Tintenfische und Makrelen werden direkt aus dem Meer in großen Körben auf
die Mole gebracht. Man kann sich aussuchen, was man will, die Meeresfrüchte
werden sofort an Ort und Stelle gekocht, gebraten oder gegrillt. Lecker!
Nach dem Speisen erkunden wir das Hinterland mit dem nicht ganz geheimen „Secret Lake“. Die Schlammpisten sind teilweise besser zu befahren als die Staubstraßen, zumindest brennt der Modder nicht in den Augen. Ein paarmal rutschen uns die kleinen Rollerreifen weg, mitten rein in die tiefsten Matschlöcher. Wir sind schon auf dem Heimweg, denn es dämmert und ein Gewitter zieht auf. Da bricht bei Felix‘ Roller zu allem Glück noch die Innenhülse vom Gasgriff. So geht es nicht mehr weiter. Wir fragen uns durch, aber auch im nächsten Weiler spricht niemand englisch. Stattdessen gesellen sich ein paar ältere Männer zu uns. Wir sind offenbar die Attraktion des Samstagabends: Der eine kauft gleich ein Dutzend Bierdosen bei dem Kramerladen, wo wir unter dem großen Blechdach Schutz vor den ersten dicken Tropfen suchen. „Plop, Zisssch!“, drückt er jedem von uns eine geöffnete Bierdose in die Hand. Natürlich müssen wir mittrinken, auch wenn uns gar nicht danach ist. Andrea und Tami fahren mit dem verbliebenen funktionierenden Roller heim ins Guesthouse, während Felix und ich auf den herbeigerufenen Mopedvermieter warten. Ein paar Biere später rutscht tatsächlich ein großer Sornthaew-Pickup mit Sitzbänken auf der Ladefläche durch den Matsch auf uns zu. Doch der Mann, der aussteigt, erklärt, noch bevor wir ihn begrüßen: „This is not my motobike!“ Wie sich später herausstellt, hat unsere Wirtin den Quittungsblock des falschen Vermieters verwendet, folglich haben wir dem Kramer die falsche Nummer zum Anrufen gegeben. Der Mann, der jetzt hier mit seinem Auto in die öde Matschwildnis herausgefahren ist, ist wenig begeistert – trotzdem ist er bereit, uns mit in die Stadt nehmen. Stellt euch mal vor, bringt Felix später den treffenden Vergleich: Der Papa kriegt einen Anruf, seine Vespa steht in Erlbach. Er spannt natürlich gleich den Hänger an den Mondeo und ab dahin. In Erlbach steht irgendein Roller, aber nicht seiner, daneben zwei Kambodschaner, die immer wieder sagen: Altötting, Altötting. Da tät der Papa die doch auch mitnehmen, oder?
Der Versuch, den Roller auf
die Ladefläche zu heben, scheitert jedoch, auch wenn die halbe Dorfgemeinschaft
mit hebt, zieht, drückt. Das Ding ist einfach zu groß. Doch zuvor gilt es noch,
die beiden hartnäckigen Trinkväterchen
loszuwerden. Wir setzen den einen bei sich zu Hause ab, doch er besteht darauf,
dass wir noch sein Haus ansehen sollen. Nach langem hin und her entlässt er
uns, nicht ohne uns die Tüte mit den restlichen Bieren mitzugeben. Es ist
mittlerweile stockfinster, der Regen hat wieder nachgelassen.
Mal sehen, was aus dem
Fahrzeug wird – momentan habe ich andere Sorgen. In der Nacht wird es mir
schlecht und ich habe Fieber, den nächsten Tag werde ich im Schonmodus
verbringen.
30.09.2019
Von wegen Schonmodus, wohl eher ausradiert. Zwei Nächte und den Tag dazwischen liege ich fiebrig in unserer Bambushütte. Leider ist es nicht gerade die komfortabelste Hütte, im Gegenteil. Es ist die primitivste, die wir bisher hatten. Ein Raum, nicht viel größer als das Bett, auf Stelzen zwei Meter über dem Erdboden, das Dach aus Palmblättern geflochten, keine Wände, sondern Flechtwerk, Bambusstangen und verblichene Tücher. Toilette und Dusche sind ein stinkiges Kämmerchen mit einem Wasserschlauch als Waschgelegenheit und Spülung. Einziger Vorteil dieser Sanitäranlage: Ein riesiger Gecko wohnt hier – was ich erst zwei Tage später mitbekomme. Zum Glück bekomme ich nicht viel mit, sondern dämmere vor mich hin.
Heute, am Montagmorgen ist das Fieber weg. Trotzdem möchte ich ausschließen, dass ich mir etwas von der üblen Sorte eingefangen habe… Malaria, Dengue etc. Also setzen wir uns auf den Roller – Andrea will unbedingt mit – und düsen ins Krankenhaus. Das Sonja Kill Memorial Hospital ist die modernste Klinik in der Gegend. Zum Glück sind wir noch nicht auf Koh Rong, da wäre der nächste Doktor viele Stunden entfernt.
Hier geht es ganz westlich
und ordentlich zu: Aufnahme, Voruntersuchung mit Blutdruck- und Fiebermessen,
Konsultation beim Doktor, Blutabnahme, Labor, Abschlussgespräch, Kasse. Nur
dass es bei jeder Station ziemlich lange dauert. Ich bin natürlich nicht der
Einzige, der hier heute Hilfe sucht. Viele Frauen mit ihren Kleinkindern und
Babys warten auf die Sprechstunde. Das Hospital hat einen Schwerpunkt auf
Geburtshilfe und Nachbetreuung der Neugeborenen. Wir schäkern mit den Kleinen
und tauschen uns mit den Alten über unsere Beschwerden aus. Nach zwei ausgiebigen
Regengüssen und fünf Stunden habe ich die Diagnose: Keine Malaria, kein
Denguefieber. Nur eine ganz normale Virusinfektion. Wir sind erleichtert. An
der Kasse dauert es nochmal eine halbe Stunde, unser letztes Geld geht drauf:
150 Dollar. Daheim wäre es mit dem Labor teurer gewesen. Wir rollern durch den
Nieselregen nach Hause zu Mama’s.
Nachtrag: Der Gecko hat über
30 cm und heißt Catweazle. Auch er ist hier hängengeblieben, an den Gestank aus
dem Abfluss hat er sich nicht nur längst gewöhnt: Er sagt, er kann gar nicht
mehr ohne.
Die Hauptstadt Kambodschas hat immerhin knapp zwei Millionen Einwohner. Phnom Penh stinkt, ist dreckig, voller Ungeziefer und Krimineller. Überall wird man gewarnt vor dieser Stadt. Man soll keinesfalls seinen Rucksack mit den Wertsachen locker über die Schulter hängen, auch von den beliebten Bauchtäschchen wird abgeraten. Im TukTuk ist der richtige Platz für das Gepäck am Boden fest zwischen den Beinen eingeklemmt. Spezialisierte Rollerbanditen brausen heran und reißen Unvorsichtigen das Gepäck vom Leib, ohne Rücksicht, ob die Person zu Boden oder aus dem Fahrzeug stürzt. Manche TukTuks sind mittlerweile deshalb mit Eisengittern ausgestattet worden. Man fährt also zum eigenen Schutz in einer Art Käfig. Toll!
Uns ist nichts dergleichen passiert, im Gegenteil, wir fühlten uns immer recht sicher. Trotzdem war unsere erste Begegnung mit der Stadt unangenehm. Da wir so spät abends ankommen sind, hatten wir ganz gegen unsere Gewohnheit ein Zimmer gebucht; im Happy House Zone. Der Name ist überhaupt nicht Programm. Die Zimmer dieser miesen Absteige sind übel verwohnt, die Bettlaken fleckig und speckig, die Klospülung funktioniert ebenso wenig wie die Klimaanlage und außerdem wimmelt es vor Kakerlaken. Es schmerzt, dass ich dafür 16 Dollar bezahlt habe. Wir trinken uns in der Bar gegenüber Mut an, schlafen kurz, aber schlecht und sind am nächsten Morgen vor halb acht wieder raus. Ein paar Meter weiter im Rachani Hostel gibt es für wenig mehr Geld schöne, helle, saubere und moderne Zimmer. Bis wir einziehen können, stellen wir unser Gepäck ab und besichtigen das berüchtigte Sicherheitsgefängnis S21, Tuol Sieng.
Mir fällt es schwer, die
Eindrücke zu beschreiben. Nach etwa drei Stunden sind wir durch, im wahrsten
Sinne das Wortes. Es ist verstörend, am Originalschauplatz zu erleben was
Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind. Wir fühlen uns wie nach dem
Besuch einer KZ-Gedenkstätte. Allein in diesem Gefängnis, der ehemaligen Schule
Tuol Sieng wurden in den Jahren der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zwischen
17.000 und 20.000 Menschen eingesperrt und gefoltert, die genaue Zahl der Opfer
ist nicht bekannt. Man weiß nur von fünf Überlebenden. Dies war eines von
mehreren Hundert solcher Gefängnisse landesweit. Bis heute werden noch neue
Massengräber entdeckt. Die Opfer wurden grundlos oder aus nichtigsten Anlässen
verhaftet und solange gefoltert, bis sie irgenein Vergehen gestanden. Dann
wurden sie auf die sogenannten Killing Fields weggebracht, wo sie erstochen
oder erschlagen wurden. Erschossen wurden die wenigsten – um Munition zu sparen.
Vorher mussten die Unglücklichen oftmals noch ihre eigenen Massengräber
ausheben. Die Regierung Pol Pots hat in den Jahren 1975 – 1979 ein Viertel der Bevölkerung
Kambodschas umgebracht, durch unmittelbare Gewalt oder durch Hunger. Sie
wollten das Land komplett in eine Art Steinzeitkommunismus zurückversetzen und
haben deshalb systematisch Intellektuelle, Mönche, Künstler, Lehrer, Ärzte
verfolgt. Wer eine Brille trug, war verdächtig, wer lesen und schreiben konnte
oder gar eine Fremdsprache beherrschte, sowieso.
Abends gehen wir noch zum
Tempel Wat Phnom. Dort werden vier Buddha-Statuen aufbewahrt, die der Mekong im
Jahre 1372 angespült hatte. Eine Frau namens Penh hatte sie entdeckt – und
wurde zur Namensgeberin der späteren Stadt. Jede Buddhastatue dort ist mit
mindestens einem Geldschein bestückt. Das Opfern von Geld ist hier sehr
beliebt! Ein Mann sitzt im Eingangsbereich und zählt dicke Bündel Geldscheine. Ein
wenig deplatziert wirken auf uns die grellen Lichtorgeln im Tempel.
Auf dem Heimweg hören wir es
in den Müllhaufen auf den Bürgersteigen rascheln. Ratten! Die Müllsammler, die
nach Büchsen und Flaschen suchen sind aus gutem Grund mit langen Stecken
bewaffnet.
Über den Tonle Sap und den Tonle Siem Reap nach Battambang
Diese Bootsfahrt werden wir nicht vergessen! Die Eindrücke lassen uns staunen, die Begegnungen mit den Menschen auf dem Fluss mindestens genauso. Die rund zwanzigköpfige Reisegruppe besteht zu gleichen Teilen aus Touristen und Einheimischen. Unsere Fahrt führt uns über den Tonle Sap, Kambodschas größten Süßwassersee. Seine Fläche ist mit 2700km2 fünfmal der Bodensee und damit schon normalerweise gigantisch. Durch die anhaltenden Regenfälle ist er momentan auf das Doppelte angewachsen. Wir fahren also erstmal durch einen überfluteten Wald, rechts und links des Bootes gleiten die Baumkronen vorbei. Später wird das Gebüsch so dicht, dass nur noch eine schmale Fahrrinne bleibt.
Unser Kapitän macht sich einen Spaß daraus, mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Büsche zu knattern, die Äste peitschen durch die offenen Fenster herein. Wir sind aber schon gewarnt: Der Schiffsjunge kann sich mit seiner Gestik und Mimik sehr beredt ausdrücken. Später unterhält er das halbe Boot mit Fingerspielen. Besonderen Gefallen findet er an den Tricks, die Matthieu, Felix und ich mit ihm austauschen. Nach jedem Kunststück werden reihum die Hände geschüttelt, klassisch, im Gangsterstil, oben, unten, mit und ohne Abklatschen. Wir überlegen, wie alt der Junge sein mag? Er ist sehr schwer zu schätzen, zumal sein Gesicht durch das Downsyndrom gezeichnet ist. Wir haben jede Menge Spaß und es bleibt kaum Zeit, um die schwimmenden Dörfer zu bewundern, die wir immer wieder passieren. Eigentlich sind es schon eher Städte, die hier im Wasser treiben. Jedes Haus steht auf Pontons oder alten Fässern und überall sind die typischen Langboote unterwegs. Immer wieder legen wir an, damit jemand aussteigen kann oder es kommt eins der langgestreckten Motorboote zu uns herüber, damit wir Waren oder Menschen übernehmen können. Gerade halten wir an einem großen Hausboot neben einem schwimmenden Tempel. Neben unserem Kahn sind zwei kleine Mädchen beschäftigt, die Wassertanks in ihrem Motorboot mit Frischwasser zu füllen. So wie man bei uns Fahrrad fahren lernt, können die beiden mit ihren geschätzten acht oder zehn Jahren das Motorboot bedienen.
Mittags halten wir in einem schwimmenden Dorf an. Jeder ist froh, die Toilette des Floßrestaurants benutzen zu können, auch wenn diese nicht mehr Komfort bietet als der kleine Verschlag neben dem Motor. Eine Frau brät kleine Fische auf einem Gaskocher, dazu gibt’s Reis und Wasserspinat. Für ein Spiegelei verlangt sie einen Dollar, was mir angemessen erscheint. Schließlich gibt es hier jede Menge Wasser, aber keine Hühner! Ein paar Mutige aus der Reisegruppe bestellen das Menü. Bei der Weiterfahrt wird es richtig abenteuerlich. Nun ist die Fahrrinne nicht nur extrem eng, sondern auch gewunden und kurvig. Außerdem scheinen uns die entgegen kommenden Boote stets an den engsten Stellen zu begegnen. Mehrfach müssen wir halten, damit die Schraube von Treibgut befreit werden kann, oder weil wir uns in den herabhängenden Bäumen verfangen haben. Die Äste der Uferpflanzen peitschen so heftig durch die Fenster herein, dass wir in der Mitte Schutz suchen und überall die Regenschutzplanen herunterrollen. Der Boden des Bootes ist bedeckt mit abgerissenen Blättern und Ästchen. Ein paar achtbeinige Passagiere steigen auch für kurze Zeit mit ein. Einmal wischt ein Baum so heftig über das Dach und unser Gepäck, dass wir die darüber liegende Plane und einen Koffer beinahe verlieren.
Ich unterhalte mich mit einem Kambodschaner, der für die Gemeinde seines Wasserdorfes arbeitet, mit Franzosen, Schweizern und Briten. Die Nester von Webervögeln hängen an den Bäumen. Im Wasser überall der unvermeidliche Plastikmüll, durch die Überschwemmungen hängt der Mist sogar zwei Meter über dem Wasserspiegel. Unser Steuermann sitzt auf einem Plastiksessel hinter einem alten Autolenkrad. Wenn er das Steuerrad bewegt, wickelt sich unter seinen Füßen ein Strick auf ein Stück Holz, das mit der Lenksäule verbunden ist. Der Strick läuft zu beiden Seiten die fünfzehn Meter nach hinten und bewegt das Ruder. Einfach, aber funktional! Wozu die Handbremse bei diesem Kutter dient, habe ich allerdings nicht herausgefunden.
Natürlich gibt es bei der Ankunft in Battambang die übliche Überraschung: Wir sind gar nicht in Battambang, sondern zwölf Kilometer außerhalb. Ein halbes Dutzend TukTukfahrer redet auf die westlichen Passagiere ein, jeder möchte gerne eine Fahrt abgreifen. Sie haben da eine wirkungsvolle Masche: Total aufgeregt schreien sie durcheinander und verbreiten eine furchtbare Hektik, um die Neuankömmlinge zu verunsichern. Ich bleibe erstmal eisern sitzen, bis alle anderen raus sind, dann überzeuge ich mich bei den Locals, dass es stimmt, was die Taxler behaupten. Leider ist es so: Eine schlaue Verabredung der verschiedenen Interessengruppen (Bootsleute, Taxifahrer, TukTukfahrer) verbietet es, das Revier der Konkurrenz zu verletzen. Jeder soll seinen Teil verdienen. Unser Fahrer entpuppt sich als fairer Partner. Gern würde er uns auch morgen noch chauffieren. Mal sehen!
Mit ca. 200.000 Einwohnern ist Battambang die zweitgrößte
Stadt des Landes. Sie wird auch als „Reiskorb“ von Kambodscha bezeichnet, da
das Umland sehr fruchtbaren Boden für den Reisanbau aufweist. Damit lassen sich
rund in der Region sogar zwei Ernten im Jahr realisieren. Ansonsten ist die
Stadt noch relativ wenig vom Tourismus berührt.
Ein Mann läuft die Straße entlang, an einem Fuß trägt er eine Sandale, am anderen einen Gummistiefel, er geht an einer Krücke. Woanders würde man sich denken: Komisch. Hier ist es sofort klar, dass er eine wackelige Prothese trägt. Ein Kind winkt uns aus einem ärmlichen Verschlag heraus. „Hello! Hello!“ Es ist nackt. Wir radeln noch durch Battambang, auf der Suche nach etwas zu Essen, landen auf Empfehlung unseres Zimmerwirts in einem sehr guten vegetarischen Restaurant – eine andere Welt. Das Essen ist ausgezeichnet, außerdem kommt der Erlös hier dem Wohl notleidender Kinder zu. An Wohlfahrtsunternehmungen fehlt es in Kambodscha nicht, und das ist auch gut so.