In Würzburg treffen wir unsere Tochter Pia, die uns aus Erlangen per Zug entgegen gereist kam. Ein Spaziergang führt uns einmal um die Residenz, durch die Altstadt und hinunter zur Mainbrücke.
Leider haben wir die Parkuhr nur sehr knapp gefüttert, deshalb verweilen wir nicht länger, nur ein Frozen Joghurt muss es noch sein. Doch es ist so heiß in der Stadt, dass wir uns lieber an den Erlabrunner Badesee begeben. Hier kann man es gut aushalten! Aber das beste ist unser heutiges Nachtlager: Zwischen Kiefernwäldern und Weinbergen finden wir einen wunderschönen Platz nahe Dertingen. Hier springen in der Abendwärme unzählige Heuschrecken herum; später in der Dämmerung fliegen uns die Fledermäuse um die Köpfe und als es ganz dunkel wird, leuchten uns einige Glühwürmchen. Eine wunderbar ruhige Nacht in der Natur!
Die Landschaft zwischen Main und Tauber an der Grenze von Württemberg und Franken ist lieblich, Burgen thronen über romantischen Flusschleifen und entzückenden Dörfern; Kopfsteinpflaster überall und Fachwerkhäuser wie aus der Modelleisenbahn. Wir erklimmen den Burgberg zu Wertheim, streifen durch die Residenz des Deutschritterordens Bad Mergentheim und vertilgen schließlich noch Pizza in Igersheim.
Wieder haben wir für die Nacht einen Platz erster Klasse gefunden: Ein Parkplatz hoch über dem Dorf bietet Aussicht aufs Abendrot, eine Grillstelle und Spielplatz (beides brauchen wir nicht) sowie schöne Bäume, an denen wir unsere Campingdusche befestigen können.
Der romantische Höhepunkt unserer Fachwerk-Rundreise ist dann eindeutig Rothenburg ob der Tauber. Heuer, im Coronajahr soll es ja hier recht ruhig zugehen – normalerweise ist die ganze Stadt verstopft von asiatischen Touristen. Man sagt sich, die Chinesen würden gern hierher reisen, um all den Souvenirschrott zu kaufen, der zuvor in China hergestellt wurde. Tatsächlich genießen wir einen ruhigen Tag in dem wunderhübschen Ort, die anderen Besucher sind überwiegend Deutsche.
Abends kommen wir in Erlangen an, wo wir noch eine Nacht bei unserer Tochter verbringen; genauer gesagt chillen wir noch gemeinsam in ihrem Zimmer im Studentenwohnheim, schlafen tun wir dann wieder getrennt; sie bei sich und wir in unserem Bus im Wäldchen um die Ecke. Am letzten Tag kaufen wir noch gemeinsam ein für das Wochenende, dann ist es Zeit für den Abschied.
Auf der letzten Etappe unserer Deutschlandreise besichtigen wir noch die Walhalla bei Regensburg. Seit Jahren schon haben wir uns vorgenommen, hier vorbei zu schauen. Nun haben wir es endlich gesehen und gut. Eindeutig zu viel Ehrengedöns und Vaterlandsstolz für unseren Geschmack. Ein riesiger Prachtbau, einem griechischen Tempel nachempfunden, steht monumental am Berghang. Darin befindet sich eine Sammlung von 131 Büsten und 65 Gedenktafeln, die an Personen, Taten und Gruppen, allesamt „teutscher Zunge“ erinnern. Nur 13 der Geehrten sind Frauen. Uns beeindrucken Protz und Prunk wenig. Trotzig ehre ich unsere Reisemaskottchen Nosi Nashorn und Hasi Häschen mit einem Platz in der Ehrenhalle, wenn auch nur ganz kurz. Die beiden wollten da eh nicht bleiben, das haben sie mir gesagt. Unser persönlicher Höhepunkt des Tages ist dann doch das Abendschwimmen im Reischacher Badesee.
Die Rückreise ist schon wieder beinahe gehetzt – inzwischen haben wir Treffen mit Freunden in Unterfranken und mit unserer Tochter in Würzburg verabredet. Ja, so eine Deutschlandreise ist kein Spaß! Immerhin bleibt noch Zeit für einen Spaziergang am Hohen Hagen bei Dransfeld zwischen Hannover und Kassel. Der berühmte Mathematiker Karl-Friedrich Gauß vermaß von hier aus das Königreich Hannover; später war die Gegend berühmt für ihren Basaltabbau; aber auch Goethe hat den Hügel schon erklommen. Wo war der eigentlich nicht?
Das nächste Highlight ist die spätmittelalterliche Fachwerk Hannoversch Münden. „Wo Werra sich und Fulda küssen, sie ihren Namen büßen müssen – und hier entsteht durch diesen Kuss – deutsch bis zum Meer – der Weser-Fluss.“ Also klardeutsch: Fulda und Werra fließen hier zusammen; ab hier heißt das Gewässer Weser. Die Altstadt ist bezaubernd; sie beseht aus über siebenhundert wundervoll restaurierten Fachwerkhäusern. In der städtischen Pfarrkirche ruht der aus Spottliedern bekannte Doktor Eisenbart – den gab es nämlich wirklich. „Ich bin der Doktor Eisenbart, kurier die Leut‘ nach meiner Art. Kann machen, dass die Blinden gehn, und dass die Lahmen wieder sehn…“ Doch auch hier gibt es ein grausiges geschichtliches Ereignis zu berichten: Einst ließ der katholische Feldherr Tilly im Namen der Gegenreformation 1626 fast die gesamte Bevölkerung hinmetzeln. Wir fahren weiter nach Witzenhausen zum Craftbierbrauer Schinkel und schlagen uns den Bauch voll mit Weckewerk und Bratkartoffeln. Diese nordhessische Spezialität ist sehr lecker, aber äußerst fettig. Es handelt sich um gekochtes Hackfleisch, das anschließend in viel Fett kross angebraten wird. Ein naher Wanderparkplatz im Kaufunger Wald ist unser Nachtquartier.
Die Städte Bad Brückenau und Bad Kissingen liegen auf dem Weg; unseren Geschmack treffen sie eher nicht. Gastronomie und Shoppingangebot richten sich offenbar auf die Zielgruppe Ü70 aus, wir fühlen uns jedoch noch zu jung für Diabetikernahrung und Stützstrumpfhosen, nicht einmal das Spielkasino kann uns locken. Dafür genießen wir den Besuch bei unseren Freunden in Elfershausen umso mehr. Bis spät sitzen wir gemeinsam auf der Terrasse, denn es gibt viel zu erzählen.
Morgens schwimmen wir eine Runde im See und machen uns dann auf den Weg nach Nord-West. Die kleinen Dörfer sind wunderhübsch, aber es scheint, dass in den meisten davon der tote Hund begraben ist: Reine Schlafgemeinden. Wenn es Geschäfte gibt, dann üblicherweise am Ortsrand die übliche Parade: Netto, Kik, Tedi und manchmal noch ein Sonderposten-Baumarkt.
Duderstadt haben wir schon fast umrundet, da erhaschen wir einen Blick auf die wunderschönen spätmittelalterlichen und Renaissance Fachwerksfassaden. Kurzentschlossen legen wir eine kleine Rast ein und bestaunen die entzückende Altstadt. Der nächste Stopp ist dann in Hildesheim, wo wir die romanische Michaelikirche und das Knochenhauerhaus bewundern. Welch eine Architektur und Handwerkskunst!
Jetzt müssen wir noch eine kurze Rast einlegen, denn wir sind platt. Leider ist nun eine größere Etappe zu bewältigen: Nach all der Trödelei haben wir nun bis zum Abend doch noch 239 km vor uns.
Das Wochenende bei unseren Freunden in Glückstadt verbringen wir fröhlich plaudernd, auf schönen Fahrradtouren, bei Kaffee, leckerem Kuchen, frischen Torten und Bier. Während coronabedingt halb Deutschland an Nord- und Ostsee urlaubt, radeln wir an den Elbstrand von Krautsand (Modder bis zum Knie!) und umrunden das Atomkraftwerk Brokdorf (am Kühlwasserauslauf zur Elbe wird’s uns warm!). Den Abend lassen wir im Glückstädter Ratskeller bei lecker Matjes und Kutterscholle ausklingen.
Leider hat es in der Nacht ziemlich heftig geregnet, zu allem Übel ist unser Dachfenster undicht und Andrea entdeckt morgens ein Feuchtgebiet am Fußende des Bettes. Trotz Nieselregen machen wir uns auf zum Hohenwartestausee, um dort die Klinkhardthöhe zu erklimmen. Zu sehen ist dort oben wegen des dichten Nebels rein gar nichts außer gigantischen, schwarzen Schnecken. Aber wir waren immerhin dort. Die Namensgeber müssen ja irgendwie verwandt sein.
Als nächstes Etappenziel steuern wir Erfurt an. Das ist die letzte größere Stadt Thüringens, die wir noch nicht besucht haben. Mit unserem 26 Jahre alten VW Diesel dürfen wir natürlich nicht in die Innenstadt – Umweltzone! Wir parken am Rand derselben und schwingen uns auf die Drahtesel. Auch wenn der Hintern noch von der gestrigen Radtour schmerzt, die bezaubernde Altstadt gefällt uns gut, der Dom und die Severinskirche sind beeindruckend, die Krämerbrücke einzigartig. Dies ist die einzige mit Häusern bebaute Brücke nördlich der Alpen. Der kleine Fluss, den diese Brücke überspannt, war einst Zollgrenze. Die findigen Händler vermieden es, den Zoll zu bezahlen, indem sie ihre Häuser eben auf der Brücke errichteten. Eine mittelalterliche Freihandelszone sozusagen.
Im Hainich, Deutschlands größter zusammenhängender nutzungsfreier Laubwaldfläche gedeihen unzählige Rotbuchen, daneben auch Eichen, Eschen, Ahorne und Linden. Der ehemalige Truppenübungsplatz aus DDR-Zeiten hat eine einzigartige Flora und auch Fauna bewahrt. Am Nachmittag machen wir uns langsam auf die Suche nach einem Übernachtungsplatz mit Duschmöglichkeit. Heute also ein Campingplatz? Es gibt einige hier, aber schwieriger wird die Suche nach einem Restaurant. Wir haben keine Lust mehr zu kochen, aber Thüringens Dörfer sind hier eine echte Servicewüste. Letztlich fügt sich aber alles bestens, die Einkehr im Brauereigasthof Marktmühle ist ein echter Glückstreffer und der Zeltplatz an der Werratalsperre sehr schön gelegen.
Die Oberpfalz ist wunderschön, besonders abseits der Autobahn. Eigentlich scheint es, überall ist es wunderschön, sobald man die Autobahn verlässt. Wir haben es nicht eilig, drum fahren wir über Land.
Von Dorf zu Dorf tuckern wir mit unserem alten VW-Bus und erstaunt stellen wir fest, dass es hier in der Oberpfalz zwischen Burglengenfeld, Nabburg, Pfreimd und Weiden nicht nur jede Menge Dörfer gibt, sondern auch dass beinah jedes davon über eine Burg, mehrere Türme und mindestens ein Storchennest auf der Turmspitze verfügt. Der Regen und die Waldnaab sind kleine Flüsschen, die offenbar durch weitgehend naturbelassene Auen mäandern dürfen. Entsprechend wohl fühlen sich hier die Frösche, was wiederum den Störchen gut gefällt. Gestern sind wir spätnachmittags aufgebrochen, haben Niederbayern in gut zwei Stunden durchquert und in Landau im Biergarten zur Post sehr gut gespeist. Die letzte Nacht verbrachten wir direkt am Ufer des Regen in Regenstauf; die ganze Nacht quakten hier die Frösche für uns.
Eigentlich wären wir jetzt in Costa Rica. Doch manchmal kommt es anders als geplant. Unsere Weltreise mussten wir im April schon nach acht Monaten aufgrund der Corona-Pandemie abbrechen. Seither ist viel passiert, die dramatische Zeit in Argentinien, die Repatriation mit Hilfe der französischen, der weißrussischen und ein wenig der deutschen Diplomatie. Schließlich lebten wir ein paar Wochen in unserem Bus, bis wir unsere neue Wohnung beziehen konnten. Das Haus hatten wir ja schon vor der Weltreise aufgelöst, mit den damals eingelagerten Möbeln war das neue Domizil innerhalb weniger Wochen fertig eingerichtet, obwohl wir fast alles allein schleppen mussten. Zu der Zeit war private Umzugshilfe leider verboten. Nun sind wir seit rund zehn Wochen wieder in Deutschland, mein Sabbatical dauert noch an bis Mitte September und wir haben beschlossen, uns wieder auf den Weg zu machen. Diesmal allerdings innerhalb Deutschlands und als Selbstfahrer im Wohnmobil – wie zuletzt in Neuseeland, das war vor knapp einem halben Jahr und kommt uns vor wie in einem anderen Leben.
Wir kurven auf engen Bergsträßchen durch den staubtrockenen Nadelwald. Ist das noch Franken oder sind wir schon in Thüringen? Irgendwann meint Andrea mit Blick auf die Handyapp: Jetzt sind wir „drieben“. Die untere Hälfte des Bleilochstausees umrunden wir auf unseren Fahrrädern. Rund 25 km über teilweise recht steile und ausgesetzte Pfade am Hochufer des Stausees entlang. Zum Glück haben wir unsere antiken Mountainbikes dabei und die Opa- und Oma-Räder ohne Gangschaltung daheim gelassen. Auf zwei Campingplätzen hatten wir kein Glück („Die Rezeption ist leider geschlossen“ und „nur bis 17 Uhr geöffnet“). Also haben wir uns anderweitig umgesehen, die Nacht verbringen wir auf dem Parkplatz des Landgasthofs Wetteraperle nahe Saalburg.
Nach rund 60 Stunden Rückreise sind wir letzten Sonntag Abend gegen 22:00 bei unserer Familie angekommen. Auf dem Hof meines Bruders wohnen wir jetzt in unserem VWBus. Die Nächte im Bus waren deutlich kühler als zuletzt in Argentinien. Trotzdem haben wir erstmal zehn Stunden geschlafen, scheinbar haben wir es gebraucht. Wir sind so froh, dass es uns gelungen ist, mit den letzten paar hundert Gestrandeten rauszukommen, denn die Situation in Südamerika wird immer dramatischer.
Wir wissen, dass dort immer noch Reisende ausharren, obwohl aufgrund von schlechter Versorgungslage (Nahrungsmittel, Wasser, Strom, Bargeld) alles immer schwieriger wird.
Unsere Rückreise war zunächst sehr stockend und zog sich im Bus quer durch Argentinien quälend lange hin. Die Polizeikontrollen und das ewige Warten am Flughafen Ezeiza waren eine Prüfung für meine zermürbten Nerven. Doch je weiter wir kamen, umso mehr nahm unsere Rückreise Fahrt auf. Die Crew der LH345 war rührend bemüht und sehr verständnisvoll. Die Bahnfahrt von Frankfurt nach München und Neuötting ungewöhnlich schnell und pünktlich. Die Ankunft daheim war ein wenig fremd, denn wir dürfen unsere Lieben nicht drücken. Ein komisches Gefühl: Wir kommen aus dem (noch) Corona-armen Argentinien, aus unserer dreiwöchigen Quarantäne ins Hochrisikogebiet Oberbayern. Andererseits hatten wir unterwegs hunderte Kontakte mit anderen Reisenden, wenn auch die meisten Mitreisenden ebenso wie wir aus einer weitaus strengeren Ausgangssperre kommen als die in Deutschland geltende. Jetzt halten wir erneut Quarantäne.
Unsere Weltreise hat wegen der Pandemie statt der geplanten zwölf nur acht Monate und fünf Tage gedauert. Sri Lanka, Thailand, Laos, Kambodscha, Indonesien, Fidji, Neuseeland, Chile und Argentinien haben wir bereist.
Leider haben wir Uruguay, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien und Costa Rica nicht mehr gesehen. Momentan ist unsere Reiselust zwar etwas getrübt, aber irgendwie bohrt doch das Gefühl, dass die Sache noch nicht abgeschlossen ist.
Viele liebe Freunde fragen uns, wie es uns geht. Danke, langsam lässt bei uns allen die Anspannung nach. Allerdings träume ich nachts noch immer dann und wann, wir seien noch in Iguazu. Dann wache ich auf und weiß erst mal nicht, ob es schon vorbei ist oder nicht.
Nach 14 Stunden Flug landet unsere Boeing 747 in Frankfurt. Die Nacht brachte leider nicht die ersehnte Ruhe für mich. Zunächst hatte ich mich sehr gefreut, als mir einer der Plätze am Notausgang zugewiesen wurde. Gleich daneben befindet sich die Toilette. In der unruhigen Nacht setzte ein regelrechter Run auf diesen Ort ein. Immer wenn ich gerade eingeschlafen war, trampelte mir jemand auf die Füße. Mindestens sechs Mal bin ich so aufgeweckt worden. Meine Nerven sind zur Zeit ohnehin nicht die besten, aber der fortgesetzte Schlafmangel macht mich fertig. Die deutschen Behörden haben beschlossen, dass auch beim Aussteigen und bei der Gepäckrückgabe auf soziale Distanz zu achten ist, deshalb wird alles viel, viel länger dauern. Von den Formularen für die Fortsetzung der Reise per Bahn hat das Bordpersonal viel zu wenige dabei. Also dürfen wir das Formular abfotografieren. Ich sehe unsere Chancen schwinden, dass wir den Zug nach München noch erreichen. Aber wenigstens sind wir da!
Danke an alle, Daumen gehalten haben und noch Daumen halten!
Haben gesehen, es gibt einen Zug 16.53 nach München. Von da geht’s für Pia weiter nach Nürnberg/Erlangen. Wir werden sehen, dass wir weiter nach NÖ kommen. Unsere liebe Familie hat schon unseren Bus vorbereitet. Wir freuen uns!
Danke, liebe Freunde, fürs mitbangen und Daumen drücken. Danke für die vielen Angebote, uns abzuholen und unterzubringen. Wir sind gerührt!
Die Reise hat für Andrea und mich in Neuötting/Eisenfelden begonnen und da soll sie auch enden. Voraussichtlich schon heute Abend. Unsere Nichte holt uns ab, unser grüner Blitz ist unser Nest, da werden wir erstmal ankommen. Alles andere findet sich.
Zum Glück ist schönes Wetter. Ungewohnt für uns: Die Bäume hier haben nur Knospen, kaum Blätter. Das war im Urwald anders. Aber wir werden uns schon wieder dran gewöhnen.
1:30 Uhr, habe ein wenig geschlafen. Von weiteren Stopps oder Kontrollpunkten habe ich nichts mitbekommen. Irgendwas stimmt nicht mit der Klimaanlage. Es ist feucht hier drin wie im Dschungel, die Fenster sind komplett angelaufen. Draußen muss es viel kälter sein.
Wir sind etwa 100km südlich von Mercedes, also haben wir etwa 350km bis zum nächsten planmäßigen Halt in Gualeguaychu oder 600km bis zum Ziel, dem Flughafen Ezeiza in Buenos Aires. Bei Chajari müssten wir die nächste Provinzgrenze überschreiten, spätestens dort ist wieder mit einer Kontrolle zu rechnen. Mein Rücken schmerzt, aber bis jetzt ist alles gut gegangen. Wenn alles weiter so glatt geht, schaffen wir es vor dem Abflug von LH345.
2:30 Bis eben fuhren wir auf einer gespenstisch leeren Autobahn, die durchgehend beleuchtet ist. Jetzt stehen wir wieder mal. Kontrolle.
Wir sind in Entre Rios! Die Grenze ist geschafft, ganz ohne großes Trara. Das lässt vorsichtig hoffen.
4:20, bei Colon. Noch 100km bis Gualeguaychu. Keine Vorkommnisse.Vor vier Wochen haben wir hier noch ein paar glückliche Tage verbracht. Das war in einem anderen Zeitalter. Kurz drauf die nächste Kontrolle, wir stehen unter einer Brücke. Es geht schnell, nur 10 Minuten.
Die Toilette von so einem Reisebus ist ja generell nicht so ein besonders schöner Ort. Für unser Busklo gilt das mittlerweile ganz besonders. Seit 18 Stunden sind wir unterwegs, mittlerweile schätzungsweise 50 Personen, da bleiben Spuren zurück. Zwar funktioniert die Spülung, aber am Waschbecken gibt es kein Wasser. Wie war das noch mit dem gründlichen, häufigen Händewaschen? Wir nehmen eine unserer Trinkwasserflaschen mit und benutzen den Rest Handdesinfektionsgel.
5:20 Gualeguaychu. Der Fahrer hat die Heizung angeschaltet. Seit längerem kein Netz,
6:50. Keine Ahnung, wo wir sind. Das Handy findet keine Satelliten. Die Sonne geht auf. Bin wie gerädert.
7:20, noch 25km bis zum Flughafen. Wir fahren durch die Vororte von Buenos Aires. Keine Kontrollen. Ich verstehe dieses Land nicht. Je näher an der Hauptstadt, umso mehr Infektionen gibt es, aber umso weniger Kontrollen.
Korrektur: 60 km bis zum Flughafen Ezeiza. Handy hatte sich aufgehängt. Erste Kontrolle, hat keine 3Minuten gedauert. Wir sind müde und kaputt, aber lang dauert es nicht mehr.
8:45, wir sehen die ganzen Flugzeuge am Boden, biegen gerade ein zum Flughafen. Ein junges Mädchen, das mit der Botschaft in Verbindung steht, hat gerade durchgesagt, dass fast alle mit in den Flieger dürfen, nur bei einem deutschen Ehepaar sei es noch nicht klar. Nicht wir!
Wir sind am Flughafen. Hier sind alle Geschäfte geschlossen. Man kann nirgends etwas zu essen kaufen. An den Automaten habe ich kein Glück. Die Gänge sind dicht belegt mit überwiegend jungen Leuten. Es sieht so aus, als ob sie schon länger hier campieren.
Die französische Boschaft ist präsent mit einem Stand, wo Formulare und kleine Lunchtüten verteilt werden, von den Deutschen Diplomaten hört an, dass diese erst am Spätnachmittag kommen sollen.
Der Flug soll 20:30 losgehen, also können wir es uns noch gemütlich machen. Vielleicht findet sich sogar noch eine Wechselstube für die vielen, vielen Pesos.
Leider nicht. Aber den netten jungen Franzosen neben uns konnte ich mit Panzertape, Kabelbindern und meinem Werkzeug dabei helfen, ihre Räder flugbereit zu verpacken.
Vor kurzem kam hier der Dealer vorbei. Ohne Witz! Schleicht hier rum und flüstert: Sandwich, Completos, Cola… wenn du ihm folgst, führt er dich hinter ein paar Säulen zu seiner Kühlbox, wo das Auge des Gesetzes nicht hinschaut.
Nun stehen alle Passagiere für die drei Flüge in einer riesigen Schlange. Ganz vorn die Spanier nach Madrid, Franzosen nach Paris, dann alles gemischt und hinten wir. Zwei Leute von der deutschen Botschaft sind hier auch vor Kurzem entlang gekommen. Die stehen jetzt vorn ganz wichtig und verteilen neue Zettel.
So, wir sind am Check-in. Man will uns aber nicht abfertigen. Alle anderen rücken an uns vorbei weiter vor. Wir stehen abseits und müssen warten, bis geklärt ist, ob und wie die Bezahlung erfolgt. Hoppla, schneller als ein argentinisches Polizeiaufgebot: Wir müssen eine weitere Kostenübernahmeerklärung ausfüllen. Dann dürfen wir uns bei der nächsten Schlange anstellen, um das Gepäck aufzugeben. Sicherheitscheck, Immigration… 18:00 am Gate. Müde.
19:45 Boarding.
Wenn alles glatt geht, sind wir morgen um 15:00 Uhr Ortszeit in Frankfurt am Main. Von da will Pia nach Erlangen in ihre Wohnung, wir Richtung München.
Die Klingonen sind on the road. Man sieht deutlich die Erleichterung…
Zuvor war’s noch ziemlich spannend, denn das Taxi kam ewig nicht, die Zentrale hatte den Fahrer zu unserem Ziel geschickt, statt zu unserer Adresse. Aber der Taxler kam dann doch noch und er war ein echter Könner am Steuer. Mit quietschenden Reifen hat er uns quer durch die Stadt gebracht.
Sind schon in Eldorado. Zwischendrin immer wieder kein Netz, aber das ist normal hier. Jetzt die vierte Polizeikontrolle, aber keine Probleme bisher.
Die von der Fernstraße abzweigenden Seitenstraßen in die Dörfer entlang der Strecke sind fast alle mit Erdhaufen oder Baumstämmen blockiert. So wird hier die Quarantäne durchgesetzt.
Auf der Straße ist fast kein Verkehr, kein Wunder. Wir kommen gut voran. Der nächste brenzlige Punkt wird die Provinzgrenze von Misiones nach Corriente bei der Stadt Posadas. Wir hoffen sehr, dass uns dort kein durchgeknallter Provinzsheriff aufhält.
Obwohl wir immer noch in einer extrem dünn besiedelten Gegend unterwegs sind, habe ich immer wieder mal kurz Netz. Beiderseits der Straße Urwald, Eukalyptus- und Pinienplantagen, dann wieder Urwald.
Puerto Rico. Wieder Kontrolle. Alles gut. Wir haben inzwischen dreimal gehalten, um andere Leute aufzunehmen. Offenbar alle über die Botschaften.
Santo Pipo. Der Bus ist schon zu einem Drittel voll. Ich habe gerade Annika, die allein weltreisende Radfahrerin persönlich kennengelernt, mit der ich seit ein paar Tagen im Chat war. Sie hat den Bus bei den letzten zwei Haltestellen wegen langwieriger Polizeikontrollen verpasst, uns im PKW der Honorarkonsulin verfolgt, überholt und beim nächsten erwischt. Nun verteilt Annika Formulare vom Konsulat an alle Deutschen. Es handelt sich um Kostenübernahmeverpflichtungen, denn wie es scheint wird uns die Busfahrt nun doch in Rechnung gestellt. Also war der schöne Spaziergang gestern zu den verschiedenen Geldautomaten der Stadt eine reine Sportveranstaltung mit Kostenfaktor. Braucht irgendwer argentinische Pesos?
Posadas, jetzt kommt bald die Provinzgrenze, es wird spannend… Aber vorher nochmal ein Stopp, diesmal nicht auf freier Strecke, sondern fast normal im Busterminal. Seit einer halben Stunde kurven wir kreuz und quer durch Posadas. Entweder der Fahrer hat sich verfahren… endlich, jetzt halten wir, neue Fahrgäste steigen ein.
Zehn Kilometer weiter, an der Grenze zur Provinz Corrientes stehen wir schon seit einer Weile. Die Polizei verhandelt mit den Busfahrern… Ein Beamter fotografiert den Bus von allen Seiten. Man verhandelt lange, ein anderer Beamter telefoniert. Wir fotografieren mal lieber nicht. Jetzt stehen die Polizisten untätig da, offensichtlich warten sie auf einen Rückruf von ihren Vorgesetzten. Nichts passiert. Eine bizarre Situation, wir beobachten unsere Beobachter. Nun haben sie unseren Fahrer geholt und diskutieren mit ihm im Schatten eines kleinen Bäumchens. Der Busfahrer telefoniert, reicht sein Handy an den Polizisten…. man desinfiziert sich die Hände, das Telefon aber nicht…
Jetzt ist unser Bus noch ein wenig weiter von der Straße herunter an den Rand gefahren, das dauert noch. Wir stehen hier seit einer Stunde… gerade kommt nochmal die Mail von der deutschen Botschaft herein, ob wir den Flug wahrnehmen wollen. JA, JA, JA, das haben wir doch schon neunmal bestätigt! Egal, nochmal.
Abfahrt! Endlich.
18.00 Uhr. Noch 200 km bis Corrientes, dem nächsten planmäßigen Halt. Haben eben den riesigen Stausee des Rio Parana hinter uns gelassen, seit Stunden sind rechts und links der Straße endlose Baumplantagen zu sehen. Die gigantische Monokultur beliefert die Bau-und vor allem die weltweite Papierindustrie.
Die Sonne geht langsam unter. Zum Glück gibt es eine Ladebuchse für mein Handy unterm Sitz. Danke an alle, die daheim mitfiebern! Übrigens: Der Blog hat ziemlich gute Einschaltquoten, derzeit 4927 Aufrufe. Viele liebe Freunde haben uns Glückwünsche geschickt und drücken die Daumen, das gibt uns Kraft.
18.30, wieder ein Stop, diesmal Militär. Jetzt geht es aber schon nach wenigen Minuten weiter. Ob uns Gauchito Gil geholfen hat? Der Volksheilige wird hier sehr verehrt, überall sieht man kleine Altäre mit roten Fahnen neben der Straße. Auch direkt neben der letzten Kontrollsperre.
Die bizarren Emailaktionen der deutschen Botschaft setzen sich fort. Eben hatten wir wieder kurz Netz, jetzt berichten ein paar der Schicksalsgefährten, sie hätten schon wieder Mails von der Botschaft: Sie sollen nochmals rückbestätigen, dass sie den Flug LH345 nehmen wollen. Andere bekommen keine Mail. Könnt ihr euch vorstellen, wie sehr das zu unserer Verunsicherung beiträgt?
20:00, etwa 25km vor Corrientes. Wieder Kontrolle. Diesmal kommen wir schon nach einer Viertelstunde wieder los. Überhaupt scheint Corrientes sehr wichtig zu sein. Der nächste Kontrollposten nur 25km weiter. Diesmal springen nicht nur Polizisten, sondern auch weißbekittelte Männer mit digitalen Infrarot-Fieberthermometern herum. Es dauert…
20.45 Endlich der nächste planmäßige Stop. Fünf weitere Versprengte steigen ein. Die Botschaft mailt jetzt an manche Leute im Bus weitere Erklärungen. Diese soll man ausdrucken und ausfüllen. Zu dumm, dass keiner hier einen Drucker zur Hand hat, von Steckdose ganz zu schweigen. Der nächste Checkpoint ist nicht weit, direkt an der Auffahrt der Brücke über den Rio Parana. Polizei und medizinisches Personal. Es dauert nur ein paar Minuten, da fährt unser Bus auch schon hinüber Richtung Resistencia in der Provinz Chaco. Dadurch verlängert sich unser Weg um weitere 200 km. Wenn nicht noch weitere Haltestellen und Umwege dazu kommen. Kontrollpunkt der Gendarmerie. Oder will er nur möglichst viele Kontrollpunkte abgrasen?
Nein, sicher nicht. Wir sammeln gestrandete Menschen in einem riesigen Land ein, jede und jeder der einsteigt, trägt ein Lächeln im Gesicht. Es wäre egoistisch, sich zu beklagen. Da wir mit Chaco eine neue Provinz betreten, geht jetzt auch eine neue Fotosession los. Mal sehen, ob der Vorgesetzte telefonisch erreichbar ist. Oder in Siesta? Nein, unmöglich, es ist ja schon 21.15 Uhr.
Wir fahren 50m weiter und erreichen den nächsten Kontrollpunkt. Diesmal von der Polizei. Praktischerweise steigen auch gleich neue Schicksalsgenossen ein. Am nächsten Kreisel drehen wir um, es geht zurück nach Corrientes. Gut daran ist, dass wir keine zusätzlichen 200km fahren. Schlecht, dass wir die letzten 30 km mit der größten Dichte an Checkpoints jetzt nochmals in der anderen Richtung durchfahren.
22:40 Wir sind etwa 60 km südlich von Corrientes, insgesamt haben wir in knapp 12 Stunden rund 700km zurückgelegt. Die letzte Stunde war ruhig, keine Kontrollen. Die meisten Leute schlafen, das probiere jetzt auch.
Keine sechs Stunden haben wir gebraucht, dann ist es schon geschafft. Zunächst machen wir uns auf zur großen Tankstelle im Ort. Die Managerin, eine Bekannte der Honorarkonsulin verfügt über einen Drucker und hat unsere Passierscheine ausgedruckt. Doch zunächst ist die Dame nicht da, also warten wir erst mal. Währenddessen erfahren wir über unsere Whatsappgruppe, dass man das Attest auch ohne die anderen Zettel bekommen kann, also ab ins Hospital. Warten, Untersuchung, Warten, Zahlen, Warten, dann das ersehnte Gesundheitsattest, ein handgeschriebener Zettel. Hurra! Das geht ja richtig glatt heute. Zurück zur Tankstelle, die Dame ist inzwischen zu sprechen, mehr noch: Sie hat einen dicken Stapel Papiere für uns. Nochmals Hurra! Wir wandern zurück zu unserer Bleibe, ziehen die schweißnassen Kleider aus und duschen uns so kalt wie möglich ab. Gerade, als wir unsere Sachen per Hand ausgewaschen haben, kommt die Nachricht unserer Frau Konsulin, dass jeder Deutsche für den Bus morgen 3840 Pesos (~55€) zu zahlen hat, man soll das Geld passend und bar bereithalten. Optimales Timing, gerade haben wir einen Großteil unserer Pesos im Hospital ausgegeben.
Achtung! Die Klingonenbande ist in der Stadt!
Also machen wir uns nochmal auf, Bargeld zu besorgen. Das Geldabheben ist hier weder einfach noch billig, ich hatte schon früher darüber berichtet. Am ersten Automaten steht eine lange Schlange vor uns, jeder Kunde auf einem weißen Kreuz am Boden. Als wir dran sind, spuckt der Apparat für uns kein Geld aus. Besorgt marschieren wir weiter zum nächsten.. Hat die Regierung nun beschlossen, Ausländer kein Geld mehr abheben zu lassen? Klingt paranoid, aber wir halten inzwischen alles für möglich. Die Bank liegt zufällig fast genau neben der Tankstelle, wo wir erst vor kurzem die Papiere geholt haben. Hat mich das Murmeltier nicht heute früh schon begrüßt? Die Schlange hier ist etwas kürzer, trotzdem geht’s noch langsamer. Endlich sind wir dran. Volltreffer, jeder kann 5000 Pesos abheben, nur die Gebühr dafür ist seit dem letzten Mal wieder gestiegen. Jetzt sind 660 Pesos fällig, schlappe 13,2%. Egal, ist ja nur Geld. Bewegung hatten wir auch endlich mal wieder – wir sind rund zehn Kilometer gelaufen heute. Polizei haben wir unterwegs gar keine gesehen – vielleicht halten die ja auch Siesta. Wir sind gespannt, was als Nächstes passiert.
Die Presse berichtet über erste Plünderungen in Posadas und 6813 Fälle von Denguefieber in der Provinz Misiones sowie den Kampf dagegen.