Argentinien

Wir waren zwar schon ein paar Tage in Argentinien, aber das war nur ein kurzer Ausflug über die Grenze nach Calafate, um den Nationalpark Los Glaciares zu besuchen. Heute fahren wir richtig über die Grenze nach dem argentinischen Teil von Feuerland in die südlichste Stadt der Welt, Ushuaia. Darum jetzt meine Kurzinformation über das Land Argentinien, wer sich nicht dafür interessiert, kann diese gern überspringen. Ich jedenfalls finde es immer ganz passend, ein wenig über das  Land Bescheid zu wissen, das ich gerade bereise. Während draußen eine sehr eintönige, flache aber nichtsdestoweniger schöne Grassteppe vorbeizieht, fasse ich das Wichtigste zusammen:

Argentinien ist der achtgrößte Staat der Erde und der zweitgrößte Südamerikas. Wegen seiner riesigen Ausdehnung (fast 3700 Kilometer von Nord nach Süd) und vielfältigen Höhenlagen hat das Land Anteil an mehreren Klima- und Vegetationszonen. Der Landesname ist eine Ableitung aus dem lateinischen Wort für Silber – argentum – und stammt aus der spanischen Kolonialzeit. Bis zu seiner Unabhängigkeit 1816 war das Land Teil des spanischen Kolonialreiches. Mit rund 44 Millionen Einwohnern steht Argentinien in Südamerika an dritter (nach Brasilien und Kolumbien) und in ganz Amerika an fünfter Stelle. Etwa ein Drittel davon lebt im Ballungsraum der Hauptstadt Buenos Aires, die als bedeutendes Kulturzentrum Amerikas gilt. Hier hat unter anderem der Tango Argentino seinen Ursprung. Weitere Ballungszentren bilden die Städte Córdoba, Rosario, Mar del Plata und Mendoza. Große Teile des trockenen und kalten Südens sind nur sehr dünn besiedelt.

Bis etwa 1950 war Argentinien eines der reichsten Länder der Erde. Wirtschaftlich spielten traditionell die Landwirtschaft, Viehzucht und der Rohstoffabbau eine große Rolle, wenn auch heute der Dienstleistungssektor mit rund 60 % den größten Anteil am BIP ausmacht. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das Land stark durch die Einwanderung aus Europa geprägt, vor allem aus Italien und Spanien. Die wichtigsten politischen Etappen seitdem sind der Peronismus (1946–1955; 1973–1976), mehrere Militärdiktaturen (insbes. 1976–1983), die Redemokratisierung (nach 1983) und der Neoliberalismus (1990er Jahre) bis zur Argentinien-Krise 2001 und der darauf folgenden Konsolidierung sowie die erneute Rezession. Augenblicklich wird angesichts der extremen Staatsverschuldung und Inflation ein Schuldenschnitt diskutiert.

Der gesamte Westen wird von den Anden eingenommen, der längsten kontinentalen Gebirgskette der Erde. Der zentrale Norden Argentiniens ist der Gran Chaco, eine heiße Trockensavanne. Östlich davon schließt sich entlang des Río Paraná das Hügelland der Provinz Misiones an. Dort befinden sich am Dreiländereck Argentinien–Paraguay–Brasilien die Iguazú-Wasserfälle; sie sind etwa 2,7 Kilometer breit und zählen zu den größten der Erde. Südlich davon, zwischen den großen Strömen Río Paraná und Río Uruguay, liegt das feuchte und sumpfige Mesopotamia. Am Río de la Plata, dem gemeinsamen Mündungsgebiet dieser beiden Ströme, liegen die Stadt Buenos Aires und die gleichnamige Provinz, das wirtschaftliche Herz Argentiniens. Westlich und südlich von Buenos Aires erstrecken sich die Pampas, eine grasbewachsene Ebene, wo der größte Teil der Agrarprodukte des Landes erzeugt wird. In dieser Region befinden sich große Weizenfelder und Weideflächen für Rinder; die Ausfuhr von Rindfleisch brach ab 2005 als Folge von Exportbeschränkungen und -verboten der Regierung von 771.000 Tonnen auf 190.000 Tonnen ein. 2017 gingen wieder 308.638 Tonnen Rindfleisch in den Export. Zwischen den Pampas und den Anden liegen im zentralen Argentinien die Gebirgszüge der Sierras Pampeanas. Das im Süden Argentiniens gelegene Patagonien ist von starken Westwinden geprägt und hat ein sehr raues Klima. Die höchsten Berge des Landes liegen in den Anden: der Aconcagua mit 6961 m Höhe und die beiden höchsten Vulkane der Erde, der Ojos del Salado mit 6880 m und der Monte Pissis mit 6795 m. Argentinien hat trotz seiner lang gestreckten Küstenlinie nur wenige Inseln. Die größte ist die zum Archipel Feuerland gehörende Isla Grande de Tierra del Fuego mit 47.020 km², die sich Argentinien (Provinz Tierra del Fuego, 21.571 km²) und Chile (25.429 km²) teilen. Völkerrechtlich umstrittenes Territorium sind die Falklandinseln (spanisch Islas Malvinas), eine Inselgruppe im südlichen Atlantik. Sie gehören geographisch zu Südamerika, liegen 600 bis 800 km östlich von Südargentinien und Feuerland und sind britisches Überseegebiet. Seit 1833 werden sie von Argentinien beansprucht. Die Besetzung der Inseln durch Argentinien am 2. April 1982 löste den Falklandkrieg aus, der bis zum 14. Juni 1982 dauerte und mit einer Niederlage für Argentinien endete.

Etwa 90 Prozent der Bevölkerung stammen nach der offiziellen Statistik von eingewanderten Europäern ab, hiervon 36 % von Italienern, 29 % von Spaniern und 3 bis 4 % von Deutschen. Nur eine Minderheit der Argentinier sind ausschließlich Nachkommen der insgesamt 30 Ethnien, die vor dem Eintreffen der Spanier auf dem Landesterritorium lebten. Die soziale Situation des Landes ist in mehrerlei Hinsicht durch eine starke Ungleichheit gekennzeichnet. So gibt es einerseits wie in ganz Lateinamerika ein großes Wohlstandsgefälle zwischen Ober- und Unterklasse, andererseits gibt es große regionale Unterschiede. Rund um die Hauptstadt ist die Einkommenssituation am besten, im Nordosten am schlechtesten. In Folge der Krise und Rezession leben rund 40% der Menschen unterhalb der Armutsgrenze.

Die Fahrt findet schon rasch eine Unterbrechung: In Punta Delgada ergibt sich ausgiebig die Gelegenheit, chilenische Fährleute beim Rangieren ihrer Schiffe zu studieren. Mit offener Bugklappe fährt das riesige Schiff an den Anleger, der nichts weiter darstellt als eine Betonrampe in die eisigen Wellen der Magellanstraße. Offenbar hat man hier noch nie was von der Katastrophe der Estonia gehört? Warum unser Bus nicht mit der ersten und auch nicht mit der zweiten Fähre mitfährt, erschließt sich dem uneingeweihten Fahrgast nicht. Wir stehen stundenlang im Wind, der hier in Orkanstärke blast. Mir reißt der Sturm den Reißverschluss an einem Hosenbein vom Oberschenkel bis zur Ferse auf. Fähren kommen, Fähren legen ab. Wir beobachten, wie Tanklastzüge und riesige Lastwägen Anhängern voller Schafe von Bord rollen. An dem Knick, wo die stählerne Rampe der Fähre auf der betonierten Schräge des Anlegers schrappt, setzen sie regelmäßig mit dem Heck auf, während sich das Schiff mit vollem Einsatz der Seitenstrahl-Ruderanlage mühsam auf der Stelle hält. Endlich, bei der vierten oder fünften Fähre dürfen wir an Bord gehen, es ist die schäbigste von allen, die wir hier gesehen haben. Vielleicht hat die Busfirma ein Abo bei eben dieser Fährgesellschaft? Wir werden gleich in ein enges Kabuff neben dem Frachtraum gelotst. Die Überfahrt ist eher langweilig, denn außer den zum Teil recht heftigen Bewegungen des Schiffrumpfes bekommt man nichts mit. Dass das Seewasser über die haushohen seitlichen Aufbauten der Fähre hinweggespritzt hat bis an die Busfenster erkennen wir an den Salzkrusten auf den Fensterscheiben. Als wir in Feuerland anlegen, ist das erste,  was ich durch die – wiederum offene – Bugklappe sehe, ein riesiges Wandgemälde an einer Mauer: Mapuchegesichter. In letzter Zeit hat es bei den Nachkommen der Ureinwohner eine Rückbesinnung auf alte Traditionen gegeben und ein gewisser Stolz auf die Herkunft ist aufgekommen. Der Fähranlegeplatz ist weniger als ein Fleck auf der Landkarte: Ein paar Häuser, eine Cafeteria, ein Campingplatz. Die letzten knapp 200 Kilometer auf chilenischem Boden fahren wir nun auf der Insel Feuerland. Hier scheint es die Guanakos in größerer Zahl zu geben als auf dem Festland, man sieht sie viel öfter neben der Straße. In den kleinen Salzlagunen sehen wir immer wieder Gruppen rosafarbener Flamingos stehen. Sie verbringen hier den südlichen Sommer, im Winter werden sie wieder nach Norden in die Atacama- und Uyuniwüste ziehen, stets auf der Suche nach ihrer Haupt- und Lieblingsnahrung, winzigen roten Salzkrebslein, die ihnen auch zu ihrer Farbe verhelfen. Der Grenzübertritt nach Argentinien wird mit peinlicher Bürokratie bewältigt, allein die Beamten der beiden südamerikanischen Länder Chile und Argentinien haben bei mir mehr als zwei Seiten des Passes vollgestempelt. Zum Glück müssen wir nicht mehr nach Chile zurück, die Zöllner dort sind mit dem Gepäck extrem pingelig und durchsuchen alles ganz genau. Der Argentinier dagegen ist da schon eher lässig; hier sind auch die Straßen erstmal nicht geteert und es fehlen die in Chile unvermeidlichen Zäune entlang der Straße. Dafür stehen jetzt mehr Rinder als Schafe in der Landschaft herum. Bald schon sehen wir wieder das Meer. Seit über drei Monaten haben wir uns im und am Pazifik herumgetrieben, ab jetzt ist es der Atlantik.

An Rio Grande beginnt auch wieder die Zivilisation: große Zweckbauten, Ladekais, Autoschrottplätze und Fabriken säumen die Landstraße. Die Landschaft wird immer hügeliger, dann richtig bergig. Der Bus folgt der engen Straße, die sich steil den Hang hinauf Richtung Paso Garibaldi windet. Tief unter uns im Tal mäandert ein Fluß, der Rio Olivia in vielen Kurven dahin. Seine Ufer und Kiesflächen sind voller abgestorbener Bäume. Wir haben gelesen, dass hier Biber ausgesetzt wurden, um das Spektrum des jagbaren Wildes zu erweitern. Leider passen die Dammbauer gar nicht in das hiesige Ökosystem. Sobald sie wie gewohnt Bachläufe und Flüsse aufstauen, sterben die südlichen Urwälder ab, denn sie können die Feuchtigkeit nicht verkraften. Mit über zwei Stunden Verspätung treffen wir nach einer zwölfstündigen Busreise am späten Abend in Ushuaia ein, das Ende der Welt ist endlich erreicht. Es ist längst dunkel und ein Taxi gibt es auch nicht. Gut, dass wir den ganzen Tag im Bus gesessen sind – so macht uns der Marsch bergauf nicht viel aus. Irgendwann kommt doch ein Taxi daher, wir halten es an. Die Vorsichtsregel „Nie in ein Taxi einsteigen, das du nicht selbst per Telefon hergerufen hast!“ gilt doch in der südlichsten Stadt der Erde nicht, oder? Jedenfalls ist der Fahrer sehr nett, wir finden unser Hostel zunächst nicht und starren alle in unsere Handys. Als sich herausstellt, dass wir direkt davor stehen, müssen wir herzlich lachen. Die Herberge ist ein echter Glückstreffer: Nette Leute, ein gemütliches Haus.

Ushuaia, Gletscherpfad Luis Martial

Der Regen geht in Schnee über, der Schnee in Hagel. Zum Glück bläst der Wind nur in Sturmstärke, längst kein Orkan wie zuletzt im Torres del Paine. Rund 17 Kilometer wandern wir an diesem Tag stramm, in Ushuaia gibt es Gletscher schon auf gut tausend Meter über Meereshöhe. So schöne Berge hätten wir hier unten in Feuerland gar nicht erwartet. Ein grandioses Panorama öffnet sich vor und über uns, der Blick auf den Gletscher erfreut die Wanderer, frischer Neuschnee bedeckt bei weitem nicht nur die Gipfel, sondern auch die Hänge bis hinab zu der Stelle, wo wir uns gegen sen Schneesturm stemmen. Leider müssen wir den Weg zum Gletscher kurz vor dem Ziel abbrechen, obwohl er weder technisch noch konditionell besonders anspruchsvoll ist. Wir besitzen beide keine wasserdichten Hosen, ich keine Handschuhe. Schon bald sind wir klatschnass ab der Hüfte abwärts und die eisige Kälte beißt uns auch obenrum, denn die Jacken halten auch nicht dicht. So drehen wir um und gehen stattdessen den kurzen Abstecher zum Mirador (Aussichtspunkt) über Ushuaia. Der Ausblick ist wunderbar, in der Bucht vor der Stadt blinkt das Meer stellenweise wieder blau, sobald eine Lücke zwischen den Wolken die Sonne durchlässt. Der heftige Wind beginnt schon hier unsere nasse Kleidung trocken zu pusten, leider bringt das zusätzliche Kälte. Unten im Wald der Südbuchen wird der Wind leichter, die verdrehten kümmerlichen Bäume bieten einen guten Schutz. Wir wandern entlang eines munteren Bergbaches, der Weg ist schlammig, aber durch Knüppel und Stege passierbar. In der Stadt besorgen wir uns dann doch noch argentinische SIM-Karten für die Handys, ein neues T-Shirt für Andrea (mit Pinguinen!) und eine leckere Paella für uns beide. Beim Absacker in der Eckkneipe kommen Musikanten herein, um ein Spontankonzert zu geben. Mit Geige und Gitarre tragen die zwei ein paar Lieder vor, die uns und alle anderen Gäste begeistern. Ein schöner Tag!

27.02.2020, Ushuaia

Torres del Paine, Chile

Ein wenig ärgern wir uns, dass unsere Möglichkeiten in dieser grandiosen Landschaft doch recht eingeschränkt sind. Die Touren zu den schönsten Stellen im Park sind durchorganisiert von Anfang bis Ende. Ameisenstraßen von grellbunten Goretexträgern winden sich über den berühmten W-Trek und zum Basecamp der Torres. Ohne monatelange Vorbestellung bekommt man nicht mal einen Campingplatz. Einfache Hostels verlangen im Park Phantasiepreise ab 300€ pro Nacht. Den Nationalpark kann man zwar mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen, aber das wars dann auch. Weiter von den wenigen Haltestellen geht’s dann nur zu Fuß oder per Anhalter. Doch auch die Busse zurück in die Zivilisation fahren schon recht zeitig.  Individuelle, weniger begangene Wanderwege erreicht man nur mit dem eigenen Auto beziehungsweise mit dem Mietwagen. Wir müssen wohl auf eine organisierte Bustour ausweichen, wenn wir noch etwas vom berühmten Torres-de-Paine-Nationalpark sehen wollen.

Die Tour entpuppt sich als Glückstreffer. Der junge Matias, unser Guide und Don Miguel, der Fahrer zeigen uns die Highlights des 2420 Quadratkilometer großen Nationalparks. Die Zahl der fußlahmen Mitfahrer in unserem Mitsubishi-Bus ist überschaubar, etwa 20 Leute sind es, überwiegend Chilenen. Alle sind wir begeistert von den überwältigenden Ausblicken. Unsere Berge daheim kommen mir im Vergleich dazu vor wie eine Spielzeugeisenbahnlandschaft. Kein Wunder, dass die Gipfel hier viel kolossaler wirken: Wir stehen auf 120 bis 160 Meter über Meereshöhe, da wirkt ein zweieinhalbtausend Meter hoher Berg extrem gigantisch. Die Torres del Paine sind Teil eines einzigartigen Bergmassivs: Fast senkrechte Felsnadeln zwischen 2600 und 2850 Meter Höhe werden begleitet von zwei gigantischen gletscherbedeckten Bergstöcken, dem Paine Grande und dem Almirante Nieto. Die hellen Granitflanken tragen Spitzen aus dunklem Konglomeratgestein. Paine bedeutet in der Sprache der Ureinwohner Tehuelqe blau: An 30 Tagen des Monats ist nämlich der Himmel bedeckt und die Berge haben dann eine dunkelblaue Farbe. Wir haben einen Tag mit wechselnder Bewölkung und ziemlich viel Sonne erwischt – fast ein Wunder!

Kondore, Guanakos und Pumas bevölkern den Park in relativ großer Zahl: Die Guanakos und Kondore sehen wir heute auch aus der Nähe, die Pumas leider nicht. Begegnungen mit den Raubkatzen sind jedoch gar nicht so unüblich. Miguel zeigt uns einen Video auf seinem Handy: Eine Pumamutter und ihre zwei drolligen Babys überqueren eine Straße direkt zwischen wartenden Autos.

Der Wind bläst uns am Lago Grey fast von den Füßen. Vor uns liegt der Strand des Sees, dahinter der Gletscher Grey. Das Wasser ist so aufgepeitscht, dass wir noch hundert Meter vom Ufer entfernt Gischt abbekommen. In deutlicher Schräglage kämpfen wir uns gegen den Orkan, bis wir die knallblauen Eisberge aus der Nähe sehen. Unterhalten kann man sich hier nicht, die Worte werden vom Sturm weggerissen, bevor sie das Ohr des andern erreichen. Kleine Sandkörnchen brennen wie Nadeln im Gesicht. Windgeschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern sind ganz normal, der bisher gemessene Rekord war 207 Stundenkilometer. Nicht umsonst wird davor gewarnt, an gewissen Stellen im Park das Auto abzustellen. Immer wieder werden leichtere Pkw vom Wind davongeblasen.

Puerto Natales, 24.02.2020

Perito Moreno in Argentinien

Die Busfahrt ins nahegelegene Argentinien ist wieder eine einzige Schau. Die tiefstehende Sonne beleuchtet die Berge spektakulär, wieder sehen wir mehrere Kondore über den Gipfeln kreisen. Das Land ist so unglaublich weit. Solche Weite habe ich bisher nur in der Wüste oder am Meer erlebt. Doch hier ist es wieder ganz anders. Die langgestreckten Wolken unterstreichen die Weite noch, auf der riesigen Ebene ist nichts außer Grasbüscheln, Zäunen, ein paar Felsen und Sand. Immer wieder sind kleine Herden Guanakos zu sehen, ab und zu auch ein Nandu. Ein oder zweimal pro Stunde taucht eine Estancia naben der Straße auf; stets mit einem Windrad für die Wasserpumpe und ein paar Bäumen als Windschutz. Als wir aus der Hochebene ins Tal des Rio Santa Cruz herunter fahren, ist die Fernsicht überwältigend. Bis weit hinein in die Anden sind die Berge sichtbar, das sind etwa 200 Kilometer.

Doch schon kurz drauf sind wir angekommen in El Calafate, einer Kleinstadt mit riesiger Ausdehnung. An der hoch über der Stadt gelegenen Busstation gibt es auch keinen Geldautomaten. Wacker treten wir den Fußweg zu unserem Hostal an. Etwas anderes bleibt uns auch nicht übrig, denn wir haben kein argentinisches Geld und kein Internet, um einen Uber zu bestellen. Der Wind fegt uns beinahe davon. In Puerto Natales wurden wir schon gewarnt, dass man an gewissen Stellen sein Auto nicht abstellen sollte, immer wieder werden Pkws vom Wind umgeworfen und davongefegt. Unser Weg endet in einer Sackgasse, wir laufen zurück.

Auf dem anderen Weg endet der Asphalt nach ein paar hundert Metern und wir bauen unsere Trolleys zum Rucksack um. Im Kies leiden die Rollen sehr durch den Staub, so leiden nur unsere Bandscheiben und unsere Bindehäute. Die vorbei brausenden Pickups und Geländewägen wirbeln davon ausreichend Material in die Luft. Die Adresse, zu der uns unsere Offline-Satelliten-Navigationsapp leitet, erweist sich als vollkommen falsch. Wir landen an einem Campingplatz. Wer will bei nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt schon zelten? Der freundliche Wirt weist uns den Weg, nur verstehen tun wir nicht viel davon. Wir irren weiter über Schotterpfade, wieder tragen wir unsere Packen auf dem Rücken, bei mir verkrampft sich alles. Da vorn, ein Taxistand! Trotz aller Vorbehalte bin ich jetzt soweit, ein Taxi zu nehmen. Da stellt sich heraus, dass der Taxistand genau gegenüber von unserem Hotel ist. Nach dem Einchecken läuft es wie von selbst: Geldautomat (sauteuer!), Einkaufen, lecker Essen… ein Traum.

Perito Moreno Gletscher und Lago Argentino

Der Ausflug zum Gletscher ist der Hammer. Wir haben das bestmögliche Wetter erwischt, die Fernsicht und der wolkenlose Himmel sind überwältigend. Der Gletscher gehört zum großen patagonischen Inlandeisfeld zwischen Chile und Argentinien, nach der Antarktis das größte zusammenhängende eisbedeckte Gebiet auf der Südhalbkugel. Eine riesige Wand aus Eis erstreckt sich etwa fünf Kilometer breit in die südwestliche Flanke des Lago Argentina. Obwohl der See hier rund 160 Meter tief ist, ragt der Eispanzer noch bis zu 70 Meter über die Wasseroberfläche hinauf. Winzig kommen wir uns angesichts dieses Naturwunders vor.

Wir nehmen das Gletscherboot, um über den eisigen See bis kurz vor die Eiswand zu fahren. Durch den immensen Druck, der auf dem Eis lastet, kracht und knallt es alle paar Minuten. Wie riesige Zähne ragen die Eissäulen dicht gepackt nebeneinander auf, immer wieder brechen große Eisblöcke vom Gletscher ab. Mit lautem Getöse donnern sie ins Wasser, das Echo hallt mehrfach nach. Ich stelle mir unsere Stadtpfarrkirche daneben vor. Die Kirchturmspitze würde nicht mal über den Rand emporragen. Nach der Schiffstour wandern wir noch über die sehr gut ausgebauten Wege des Nationalparks um die Gletscherzunge herum. Zurück in der Stadt lernen wir beim Abendessen in der Pizzeria nicht nur eine chilenische, sondern außerdem eine französische und eine argentinische Familie kennen. Sehr unterhaltsam!

Puerto Natales und Gletscher

Die Landschaft ist wunderbar öde und weit. Kaum etwas ist da, an dem sich das Auge festhalten kann, nur leere, trockene Steppe mit ein wenig Gras und etwas niedriges Strauchwerk. Die Bäumchen, die hin und wieder in flachen Mulden stehen sind windschiefe Krüppel, verdreht und schief, tragen lange Bärte aus Flechten, dafür kaum Blätter. In einem flachen Salzsee steht eine Gruppe rosafarbener Flamingos. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir die erste Siedlung am Weg: Tehuelches hat etwa 30 Häuser. Nach etwa zwei Stunden wird das Land hügeliger, die Bäume höher, doch kurz darauf wieder flache Steppe. Wie viele zigtausend Kilometer Zaun hier wohl verbaut sein mögen? Immer sieben oder acht Stempen, dann ein größerer Pfosten, zehn Stempen, ein größerer, verbunden mit fünf endlosen Drähten. Irgendwo muss es wohl auch Schafe geben wozu wären da sonst die Zäune? Ab und zu sieht man welche, dann auch ein paar Pferde in der Endlosigkeit. Die Wolken treiben über diese wunderbare Weite dahin, damit ihr Spiel von Licht und Schatten die Steppe ein wenig belebt.

Mit Letizia und Esteban unterhalten wir uns super, wenn auch immer nur unter Zuhilfenahme vieler Hände und Füße. Übersetzer-Apps helfen schon bald nicht mehr, denn wir sind mit dem Ausflugsschiff in der zerklüfteten Fjordlandschaft um Puerto Natales unterwegs und schon bald ohne Netz. Die beiden sind aus Conception in der Mitte Chiles und machen hier Urlaub. Er handelt mit Fisch und Meerestieren. Natürlich reden wir auch über die abnehmenden Fischbestände, unsere Länder und das Reisen. Die politische Situation in Chile gefällt Esteban gar nicht. Der Mittelstand verliert immer mehr Einkommen, die Reichen werden immer reicher, der Liberalismus blutet Land und Menschen aus. Wir erfahren, dass im April ein Referendum abgehalten werden soll, keine Wahl. Es geht um eine Änderung der Verfassung, die Opposition möchte, dass der Staat auch für Bildung und Gesundheitsvorsorge in Verantwortung tritt. Momentan sind weiterführende Schulen und insbesondere Universitäten derart teuer, dass sich die meisten jungen Chilenen gegen eine Familiengründung entscheiden oder höchstens ein Kind haben – aus Kostengründen.

Der Ausblick auf die wolkenverhangenen Berge entlang des Ultima Esperanza Sound (Fjord der letzten Hoffnung) ist beeindruckend, bei Sonne wäre er bestimmt noch schöner. Wenn wir an Deck gehen, bläst es uns beinahe um, der Wind ist extrem. Wir fahren geradewegs auf den 2035 Meter hohen Berg Balmaceda zu und sehen den gleichnamigen Gletscher ein paar Dutzend Meter über der Meeresoberfläche enden. Anschließend drehen wir nach Nordosten ab und legen vor der Laguna Serrano an. Wir steigen aus und gehen eine kurze Wanderung zum Serranogletscher. Markierungen zeigen an, wie weit das Eis vor zwanzig und vor vierzig Jahren noch reichte. Es sind etwa 500 und 1000 Meter Unterschied! Die Crew serviert Whisky mit Gletschereis, um auf der Rückfahrt die Stimmung zu heben.

Heute haben wir außer einer Stadttour zu Fuß nichts weiter vor. Der junge Guide erzählt Details aus der Stadtgeschichte. Im Jahre 1919 gab es größere Arbeiterrevolten, in deren Verlauf auch das Handelhaus der Familie Braun angezündet wurde. Gebracht hat es den Arbeitern aber nichts, weder ihre Forderungen nach besserer Bezahlung oder Versorgung noch Gewerkschaften wurden ihnen zugebilligt, obwohl der Aufstand auch auf die Region und bis ins benachbarte Argentinien übergriff. Über tausend Arbeiter ließen dabei ihr Leben, die Mächtigen trieben ihr Spiel aber weiter wie zuvor. Die Gegend war unter wenigen riesigen Großgrundbesitzerfamilien aufgeteilt. Manche davon bezahlten Kopfgeldjäger für die abgeschnittenen Ohren der letzten der noch hier lebenden Indianer. Durch Vertreibung und Krankheiten sind diese jedoch spätestens bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ausgerottet worden.

Punta Arenas an der Magellanstraße

Die Magellanpinguine auf der Isla de Magdalena haben ihre ganze Insel für sich. Besucher dürfen nur auf einem abgesteckten Pfad einen etwa zwei Kilometer langen Rundweg gehen, aber sobald ein Pinguin über den Weg will, hat dieser „Vorfahrt“. Die Ranger und Guides passen sehr gut auf, dass sich alle Touristen daran halten. Uns gefällt der Besuch bei den putzigen Vögeln sehr, auch wenn der Wind extrem kalt ist und von allen Seiten zugleich zu blasen scheint.

Magellanpinguine werden bis zu 25 Jahre alt, sind etwa vier Kilogramm schwer und bis zu 70 Zentimeter groß. Sie tauchen etwa 12 Minuten lang und bis zu 100 Meter tief nach ihrer Nahrung, Sardinen und ähnlichen kleinen Fischen. Wenn sich ein Paar gefunden hat, graben sie flache Erdhöhlen und das Weibchen legt nach nur zwei bis drei Tagen zwei Eier. Beide Eltern wechseln sich beim Brüten und später beim Großziehen der Küken ab. Da hier in der Magellanstraße das Nahrungsangebot so reichhaltig ist, kann ein Alttier schon nach sechs bis acht Stunden genug Fisch für sich und den Nachwuchs fangen. In anderen Kolonien, etwa auf den Falklands dauert dasselbe zwei Tage – dort überleben selten beide Küken, während das hier auf Magdalena die Regel ist. Sobald die Kleinen ihren Federflaum verloren haben und das wasserdichte Federkleid der Erwachsenen tragen, ziehen alle Tiere der Familie ihrer getrennten Wege. Die Jungen wandern vier Jahre auf der Südhalbkugel mit den Meeresströmungen über Argentinien bis Brasilien den Atlantik hoch, andere wählen die Pazifikseite und kommen bis Nordchile oder weiter. Viele tausende Kilometer schwimmen sie, ohne jemals festes Land zu betreten. Die Jungen suchen sich zur Paarungszeit und Brut nach vier Jahren einen Partner, der dann lebenslang der gleiche bleibt. Erstaunlich, wie die Tiere nicht nur genau zurück zu dieser winzigen Insel, sondern auch zu ihrem Partner und zur alten Bruthöhle finden.

Der Friedhof von Punta Arenas ist nicht nur einer der südlichsten Chiles, sondern es soll auch der schönste ganz Südamerikas sein. Uns beeindrucken die aufwendigen Gruften reicher Großgrundbesitzer kaum mehr als die einfachen Grabstellen armer Leute. Egal wie viel Geld einer gehabt haben mag, von den meisten bleibt nur ein Name und vielleicht ein paar Zahlen auf einem Grabstein. Viele der Grabstellen sind verfallen, die wenigsten scheinen regelmäßig gepflegt zu werden. Offenbar werden die Gräber hier nicht bloß für ein paar Jahre vermietet. Plastikblumenschmuck oder wilde Ringelblumen und Mohn? Geschmackssache. Kilometerlang sind die Wände mit den Urnenfächern. Viele davon haben die bizarr mit Nippes dekoriert. Plastikschafe, Winkekatzen und Schneemänner lassen auf Vorlieben der Verstorbenen oder der Hinterbliebenen schließen.

Am Denkmal des unbekannten Indiojungen hängen viele Danktafeln für erfüllte Wünsche. Aufgestellt wurde es hier um an die zahllosen Menschen der indigenen Völker zu erinnern, die von den weißen Siedlern umgebracht wurden. Es soll Glück bringen, der bronzenen Staue des Indianers die Hand zu schütteln, jedenfalls ist das Metall dort ganz blank. Genauso der glänzende Fuß des Indianers am Denkmal Hernando Magellans: Ich sehe zu, wie ein Mann seinen kleinen Sohn hochhebt, damit dieser sich an den Fuß hängen und diesen küssen kann. Warum frage ich mich, mussten die Völker der Selk‘nam und Yaghan erst ausgerottet werden?

Wir laufen rund vier Kilometer an der Autobahn entlang. Der eisige Wind bläst uns zum Glück in den Rücken. Nur wenn wir uns umdrehen, bläst er uns ins Gesicht. Warum müssen wir uns überhaupt umdrehen? Um zu schauen, ob nicht vielleicht doch ein Collectivo, ein Sammeltaxi in unserer Richtung unterwegs ist. Für 500 CLP (60 Cent) kann man einsteigen und so weit mitfahren, wie man möchte. Aber nur, wenn gerade ein Collectivo da ist. Unserem Fall eben leider gerade nicht. Eigentlich sind wir heute schon genug gewandert. Erst waren wir im Nationalpark. Etwa acht Kilometer sind wir durch einen wunderbaren Wald südlicher Buchen und über Hochmoor- und Heidelandschaften gelaufen, leider die meiste Zeit im Regen und schneidenden Wind.

Am nordöstlichen Ende der Stadt gibt es ein Schiffsmuseum. Zwischen Werftgeländen und Freihafen hat dort ein Mann seine Mission gefunden: Er baut historische Schiffe nach. Die Victoria, mit der Magellan 1519 die Welt umsegelte, sowie Darwins Beagle. Auch Shackletons Ruderboot liegt hier im originalgetreuen Nachbau, Maßstab 1:1. Unfassbar, dass Menschen mit diesen vergleichsweise winzigen Wasserfahrzeugen riesige Ozeane überquert haben.

Kennt ihr die Geschichte von Ernest Shackleton? Ein echter Held und verhinderter Entdecker. Bei einer gescheiterten Südpolexpedition (1914-17) wurde sein Schiff, die Endurance im Packeis festgefroren und nach fast einjähriger Drift zerquetscht. Die Männer campierten monatelang auf einer Eisscholle, bis sie mit den drei Rettungsbooten viele Kilometer durchs Treibeis der Antarktis zur unbewohnte Insel Elephant Island manövrierten. Da diese jedoch öde und weitab aller Schiffahrtsrouten lag, machte sich Shackleton mit fünf seiner Leute auf, Hilfe zu holen. Mit einem winzigen Ruderboot segelten sie mit dem Mut der Verzweiflung 15 Tage lang bis Südgeorgien, wo sie schließlich auf Walfänger trafen. Doch es dauerte noch Monate und mehrere Versuche, bis Shackleton auch die zurückgebliebenen Männer von Elephant Island holen konnte. Ironie der Geschichte: Alle Mitglieder überlebten diese unglückliche Expedition in Kameradschaft und Fürsorge ihres Leiters. Wenige Monate später ließen die meisten ihr Leben auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges. Wir können in die Schiffe klettern und uns fühlen, wie damals die Entdecker. Und das am historischen Ort, direkt an der Magellanstraße! Am meisten berührt hat mich die Geschichte von Jemmie Button. Der junge Feuerlandindianer wurde wohl von Kapitän Robert FitzRoy, dem Kapitän der Beagle im Jahr 1830 entführt – oder nach anderer Lesart für einen Knopf gekauft und nach England mitgenommen. Im Jahr darauf, auf der zweiten Fahrt der Beagle brachte man ihn zurück in seine Heimat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat er wieder bei seinem Volk Fuß gefasst und wollte auch später nicht mehr nach England zurück. Angeblich war Jemmy im Jahr 1859 am Wulaia Massaker beteiligt, als eine Gruppe Missionare von Yaghan Indianern getötet wurden. Michael Ende inspirierte die Geschichte Jemmy Buttons zu seinem Buch Jim Knopf.

Patagonia nos embrace

Puerto Montt hat uns mit Regen überschüttet, das Museum, das wir besuchen wollten, hat zu und sonst gibt es hier NICHTS für uns zu gewinnen. Unser Versuch, einen Ausflug zu den Pinguinen in Punta Arenas zu buchen ist auch fehlgeschlagen. Wir fliehen ins Jumbo Einkaufszentrum, bestaunen den Konsumtempel und essen in der Cafeteria eine schlecht angemachte gefüllte Avokado. Als der Regen nachlässt, kommt tatsächlich wieder die Sonne raus. Wir laufen zur Hospedaje und schwören, nie wieder ohne Regenjacke und Wanderschuhe loszugehen.  

Die nächsten Stunden verbringen wir in unserem schiefen Aufenthaltsraum zwischen den verschiedenen Bildschirmen hin- und her navigierend. Wir versuchen, Klarheit über unsere weitere Reiseroute zu erhalten. Ein Reiseplan ist rasch geschmiedet, doch spannend wird die Umsetzung. Ich versuche, einen Bus zu buchen: Die Verbindung Punta Arenas – Ushuaia ist gefragt. Kaum eine halbe Stunde dauert es, bis alle erforderlichen Daten ins Online-Formular eingetragen sind. Warum, frage ich mich, müssen wir da eine deutsche Adresse, Telefonnummer, Beruf und Familienstand eingeben? Die Passnummern wissen wir inzwischen sowieso schon auswendig. Als es ans Bezahlen geht, kommt der Clou: Die Anweisung per Kreditkarte funktioniert nur mit einer Bestätigung über die Banking-App auf dem Handy. Diese wiederum erfordert eine TAN. Selbstverständlich habe ich auch einen mobilen TAN-Generator dabei. Mit zittrigen Händen schiebe ich die Scheckkarte in den Schlitz und gebe den Code ein: Habe ich alles richtig gemacht? Da rutscht mir das Gerät aus der Hand. Der Batteriedeckel öffnet sich und die Knopfzellen springen munter heraus. Auf dem Schurwollteppich hört man weder einen Aufprall noch ein Rollgeräusch, also verbringe ich die nächsten Minuten im Vierfüßlerstand auf dem Fußboden. Als endlich alle Batterien wieder am Platz und der Deckel eingesetzt ist, wundere ich mich, dass bisher kein Time-Out die Verbindung gekappt hat. Der Schweiß steht mir auf der Stirn, erneut versuche ich, die Bestätigung abzurufen. Doch die Maschine lacht mich aus, nur ein kaltes „Kein Code“ prangt auf dem Gerät. Am Busbahnhof gibt es hoffentlich noch einen Schalter.

Natürlich gibt es an diesem Busbahnhof zu dieser Busverbindung keinen Schalter. Dafür hat nun das Museum auf. Eine nette Ausstellung über die Stadtgeschichte und das große Erdbeben von 1960. Das ausgestellte Sofa steht genau so schief wie in unserer Unterkunft alle Möbel. Alles in Spanisch, keine Übersetzungen. Überhaupt ist das Spanisch hier kein spanisches Spanisch, sondern definitiv eher chilenisch, also ganz anders. Wir beschließen, nochmal essen zu gehen. In dem kleinen Fischlokal über dem Markt gibt es jede Sorte Fisch, solange es Lachs ist. Andrea mag keinen Lachs und bestellt ab. Daraufhin bringt die Kellnerin auch für mich nichts. Dass das so bleibt, blüht uns erst nach zwei Bier und zwei Wein. Hungrig, aber beschwingt verlassen wir die Servicewüste und suchen uns ein anderes Lokal.

Fazit: Der Apfel-Nuss Kuchen von heute früh und die liebe Umarmung unserer Mitbewohnerin („Me encantan los abrazos!“) waren die Highlights des Tages. Aber immerhin. Daheim hat AKK gerade aufgegeben und die thüringischen Politikkapriolen sind miese Vorzeichen für unser Land.  Dann doch lieber eine Umarmung von einer wildfremden Oma.

Punta Arenas

Was sagst du zu einer Umarmung vom Taxifahrer, der dich gerade zum Flughafen gebracht hat? Genau, du bist baff. Ich habe das Gefühl, dass es jetzt wirklich aufwärts geht. Jedenfalls schmeckt der Chop Austral Calafate (eine Halbe leckeres Bier aus Patagonien) Die Shrimps mit Knoblauchbutter sowie die Muschelsuppe sind mit das Beste, was wir bisher in Chile zu essen bekommen haben. Andrea will unbedingt noch in die Freihandelszone, um sich eine warme Daunenjacke zu kaufen. Ihren neuseeländischen Farmerpulli hat sie in Auckland entsorgt, deshalb braucht sie jetzt für die morgige Pinguintour etwas Warmes. Ich habe mich entschieden, auf Kiwi zu machen und laufe im T-Shirt durch Punta Arenas, während alle anderen Leute Steppjacken tragen. Hoffentlich geht das morgen auch so gut. Meine Pullis und mein Stirnband sind nämlich komplett in der Wäsche.

Hah! Welch eine Überraschung! Eben war ich beim Patron, um ihm zu sagen, dass wir morgen kein Frühstück, sondern ein Lunchpaket brauchen (ein linguistisches Abenteuer!). Er hat mich jedenfalls verstanden, nur ich eben seine Antwort nicht. Zum Glück kam dann mein Engel um die Ecke, um zu dolmetschen. Das beste ist: Unsere Wäsche ist tatsächlich schon fertig! Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Freude das für uns ist. Nicht nur, weil ich morgen um den Pulli froh sein werde, sondern überhaupt. Daheim, Wäsche sortieren und zusammenlegen: Höchststrafe! Lieber wasche ich zwei Autos und räume den Keller auf. Hier dagegen: ein Genuss. Zuerst wird misstrauisch der Wäschesack entpackt: Ist auch wirklich wieder alles da? Ungern erinnern wir uns an verwitwete Einzelsocken und komplett verlorene Unterhosen. Man nimmt jedes Stück zärtlich in die Hand, riecht behaglich am frischen Duft und streicht über den sauberen Flor. Aaah! Welch ein Genuss! Wieder frische Sachen für eine Woche!

Marta, Renata und Johanna, drei sehr nette junge Mädels aus Santiago lernen wir abends im Gemeinschaftsraum kennen. Sie haben hier Wanderurlaub gemacht, dürften also nicht aus allzu armen Elternhäusern stammen. Nichtsdestoweniger sind sie gar nicht begeistert von der politischen und gesellschaftlichen Situation ihres Landes. Anfang März, so sagen sie, sind die Schulferien vorbei, dann geht es mit den Demonstrationen und Aufständen weiter, kein Zweifel. Wir fragen nach ihrer Einschätzung, ob sich nach den im April angesetzten Wahlen etwas ändern wird: Nein, wahrscheinlich nicht. Es sei eh gleich, wen man wähle, die da oben verfolgen ja ohnehin ihre eigenen Interessen. Von den drei ist nur Johanna alt genug, wählen zu dürfen, die anderen beiden sind noch nicht volljährig. Dennoch hat Marta schon jetzt fest vor, sobald sie achtzehn ist nach Kanada zu gehen, in ihrem Land sieht sie keine Zukunft für sich.

Auf und Ab

Am zweiten Tag und nach vielen Besuchen im Handyladen funktioniert das Ding, aber schon am anderen Morgen versagt die SIMkarte leider wieder ihren Dienst. Es ist zum aus-der-Haut-fahren. Dieses ständige Auf und Ab zerrt an unseren Nerven. Einerseits haben wir hier einen fast vollkommen unbrauchbaren Reiseführer auf dem E-book – kauft euch NIE einen Reiseführer für E-book! Zum anderen ist der Internetzugang auch per Handy zwecks Routenplanung für Andrea sporadisch und wackelig, mit meinem neuen Handy gar nicht möglich. Ohne Internet ist man als Individualreisender komplett aufgeschmissen. Gestern kam bei Andrea nach all dem Herumtauschen der SIMkarten die Frage, wo denn eigentlich ihre deutsche SIM ist? Die Folge ist ein fast einstündiges komplettes Auspacken aller unserer Besitztümer, jede Tasche, jedes Fach haben wir umgedreht. Ganz zum Schluss, nach der dritten Runde haben wir sie tatsächlich im Geldbeutel gefunden. Aber die Nerven lagen blank. In Situationen wie dieser sind wir nahe dran, die ganze Sache hinzuschmeißen und abzubrechen. Jetzt sitzen wir im Bus von Villarica nach Puerto Varas, das liegt etwas nördlich von Puerto Montt. Die Dimensionen dieses Landes sind unglaublich. Obwohl die Straßen in diesem Landesteil sehr gut ausgebaut sind und der moderne Reisebus fast immer das erlaubte Höchsttempo von 100 Stundenkilometern fährt, scheint es, als ob wir nicht vom Fleck kommen. Von Santiago bis hier haben wir neun Stunden gebraucht, heute nochmal fünf. Bis Punta Arenas wären es dann weitere 18 Stunden und von da bis Ushuaia nochmal 12 Stunden, wenn alles gut geht. Die Busse da unten fahren aber nicht jeden Tag, teilweise nur zweimal wöchentlich. Uns wird ein wenig Angst vor unserem Projekt. Seitdem mir mein Handy geklaut wurde, ist irgendwie die Leichtigkeit des Reisens verloren gegangen. Der Ärger mit der neuen SIM-Karte hat uns viele Stunden gekostet, von den Nerven ganz zu schweigen. Nichtsdestoweniger: Der Ausblick aus dem Busfenster ist atemberaubend. Stundenlang ziehen Wälder, Felder, Weiden an uns vorbei. Die Landschaft ist recht flach, aber weit im Osten schweben die schneebedeckten Gipfel der Vulkane überm Horizont. Puyehue, Casablanca, Puntiagudo und Osorno sind überwiegend perfekt kegelförmig und zwischen zwei- und knapp dreitausend Meter hoch.

Puerto Varas

Endlich geht’s aufwärts, sagt Andrea, als wir den steilen Berg zur Casa Rita hinauf ächzen. Es ist eine der schönsten Unterkünfte, die wir bisher auf unserer Reise hatten. Der fabelhafte Blick auf den See und die perfekten Vulkane dahinter entschädigt für den anstrengenden Aufstieg. Die meisten Gäste kommen wohl ohnehin mit dem Auto. Aber mit aufwärts meinte mein Schatz, dass wir heute mal wieder einen guten Tag ohne Zwischenfälle oder Probleme, geschweige denn Diebstähle hatten. Im Gegenteil, wir haben erfolgreich die Hindernisse der Onlinebuchung überwunden und einen Flug nach Punta Arenas, Patagonien gebucht. Und unser Gepäck haben wir auch schon eingebucht, das kostet hier natürlich extra, fast so viel wie die Tickets. Angesichts der gigantischen Dimensionen dieses Landes mussten wir einsehen, dass wir es per Bus nicht rechtzeitig bis Ushuaia, Feuerland schaffen werden. Am 1. März geht doch von dort unser Flug nach Buenos Aires, wo wir unsere Tochter treffen! Vorher wollen wir noch ein paar Berge, Gletscher, Seen usw. sehen. Es macht ja wenig Sinn, dauernd bloß im Bus beziehungsweise auf der Fähre zu hocken, zumal die Carretera Austral ja gar nicht ganz durchgeht, sondern immer wieder am Wasser der Fjorde und Lagunen endet. Also haben wir schon mal um 1300 Kilometer abgekürzt. Ferner haben wir schon ein Zimmer für die nächste Station, Puerto Montt gebucht. Es stellt sich nämlich heraus, dass man hier ohne Vorbuchung ziemlich schnell im Regen steht oder auf die teuersten und weit abgelegenen Unterkünfte ausweichen muss. Darüber hinaus haben wir eine kleine Kanutour gemacht und uns Räder ausgeliehen. Puerto Varas ist eine nette kleine Ferienstadt am Rand der Nationalparks um die Seen und Vulkane. Hier sind zwar jede Menge Touristen unterwegs, aber ausschließlich Chilenen. Es ist gelungen, die ausgetretensten Touripfade zu verlassen. Schließlich – und das hat uns am meisten gefreut, hatten wir ein Videotelefonat mit unseren lieben Freunden Elke und Frank daheim, die unsere Oma zum Kaffee da hatten. Jetzt geht’s aufwärts!

Ausflug zum Osorno und Lago de Todos Santos von Puerto Varas

Der älteste Nationalpark Chiles liegt zu Füßen des Vulkans Osorno. Der Lago Llanquihue, Chiles zweitgrößter See lässt das ganze noch spektakulärer wirken. Mit 860 Quadratkilometern ist er deutlich mehr als doppelt so groß wie unser Bodensee. Das Valle Central Chiles, das Zentraltal erstreckt sich von Santiago bis hier etwa 1030 Kilometer durch das langgestreckte Land. Bei Puerto Montt etwa 30 Kilometer weiter südlich endet es, für viele Chilenen übrigens endet hier auch Chile. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts beschloss, die südlichen Weiten Chiles zu besiedeln, fand sich keiner der spanischstämmigen Chilenen des Nordens bereit, diese Gegend zu bewohnen. Also lud man deutsche Auswanderer ein, da Land zu bewohnen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen rund 40 000 Deutsche, die nicht nur Puerto Montt gründeten, sondern auch binnen dreier Monate einen Weg bis hier zum Llanquihue See aus dem Urwald herausschlugen, Puerto Varas gründeten und die fruchtbaren Täler rund um die Vulkane Osorno und Calbuco bewirtschafteten. Der Calbuco übrigens ist erst vor vier Jahren ausgebrochen, seither wurden hier alle Häuser neu gebaut, weil sie unter der Last der Asche zusammenbrachen. Nur ein paar der alten Holzhäuser der deutschen Siedler haben der Katastrophe widerstanden, wie unser Führer Iwan nicht ohne Bewunderung erzählt. Überhaupt liegen angeblich in Chile 2900 Vulkane, also die Hälfte aller Vulkane weltweit!

Wir genießen traumhafte Ausblicke auf den Osorno, dahinter lugt immer wieder der Puntigudo hervor. Die Berge rundum sind bereits Teil der Anden. Der Fluss Petrohue verlässt den knallblauen Lago de Todos Santos („Allerheiligensee“), um mit großem Getöse in einem spektakulären Wasserfall eine Lavabarriere zu durchbrechen, die der Osorno hier irgendwann einmal hingespuckt hat. 1869 ist er zuletzt ausgebrochen, aber immer noch aktiv. Unsere Tour führt uns bis zum Ende der Straße auf etwa 1240 Meter über dem Meer. Wir wandern noch rund 200 Höhenmeter weiter in der glühenden Sonne über den Lavasand und -kies. Der Ausblick reicht weit nach Westen über den ganzen Lago de Llanquihue, südlich bis zum Pazifik bei Puerto Montt, nach Osten bis zum riesigen Vulkan Tronador (3478 Meter). Nachdem ich zwar noch hölzerne Bauernhäuser mit Schildern „Kuchen“ sehe, aber keine Felder, frage ich nach. Ivan erklärt, dass die Farmer an den Hängen des Vulkans früher Milchwirtschaft betrieben, weiter unten im Tal wurden Kartoffeln, Tomaten anderes Gemüse, sowie Blumen angebaut. Doch heute geben die meisten Bauern ihre Farmen auf, weil sie unwirtschaftlich geworden sind. Viele stehen zum Verkauf, einige wurden in Ferienwohnungen umgewandelt.

Puerto Montt, Hospedaje Teresita

Beim Frühstück sind wir nicht mehr allein in der Casa Rita, wir essen zusammen mit einem jungen Paar aus Santiago. Der Mann ist ja ganz nett, aber seine Tussi eine arrogante dumme Gans. Von Rita dagegen verabschieden wir uns herzlich. Mit dem Bus gelangen wir in einer halben Stunde nach Puerto Montt, wo wir erstmal an einer Ausfallstraße in der gleißenden Sonne unsere Uber-App auf meinem Handy reaktivieren müssen. Durch den Wechsel des Gerätes ist da einiges durcheinander gekommen. Jedenfalls brausen wir kurz drauf mit unserem Fahrer durch die hügelige Stadt zur Hospedaje Teresita, einem Ersatzquartier. Unsere erste Wahl war überbucht und wir haben uns kurzfristig etwas anderes suchen müssen. Mal sehen, ob uns booking.com tatsächliche die Mehrkosten erstatten wird? Eigentlich ist es ja gar nicht unser Ding, aber es scheint praktisch unmöglich, zu reisen ohne vor zu buchen. JEDER tut es, wer es nicht tut, hat schlicht und einfach das Nachsehen und die teureren Zimmer. Ein sehr betagtes Ehepaar öffnet uns die wackelige Tür der windschiefen Herberge. Wir stolpern über eine niedrige Stufe, die ganz schief ins Haus hineinführt. Im Gang stapeln sich Heiligenbilder und -figuren. Noch schiefer ist der erste Stock, man läuft ständig bergauf oder bergab. Dafür ist auch hier offensichtlich für den himmlischen Segen gesorgt. Wir legen unser Gepäck ab und erkunden die Stadt. Hoffentlich gibt es heute kein neues Erdbeben.

Obwohl Puerto Montt durchaus eine der ältesten Gründungen der Region war, haben sich kaum historische Gebäude erhalten. Ein Erdbeben zerstörte fast alles im Jahre 1960. Nur ein paar kleine alte Bretterbuden stehen noch im Stadtkern, heute werden dort vor allem Kunsthandwerk und lokal typische Speisen verkauft. Die Gegend um den Busbahnhof soll man meiden, hier ist viel Gesindel unterwegs. Wir machen uns auf zum Fischmarkt Angelmo. Er liegt eingezwängt in zahllose Andenkenläden, die alle das gleiche Angebot haben: Holzschnitzereien, Wollartikel, Lederwaren und Modeschmuck. Im Fischmarkt gibt es Seehecht, Conger, Lachs, Austern und andere Muscheln sowie ein paar Krebse. Ganz nett, aber nicht wirklich beeindruckend. Am besten sind die kleinen Lokale rundum und oben drüber, wo man den frischesten Fisch zu sehr günstigen Preisen verspeisen kann. Inzwischen habe ich alle der hier üblichen Fischarten durchprobiert und habe meinen Favoriten gefunden: Der Lachs schmeckt mir am leckersten.

Dazu ist allerdings anzumerken, dass die chilenische Küche wirklich nicht die beste ist. Die Fische hier sehen wirklich erstklassig aus, aber das Ergebnis auf dem Tisch ist untere Mittelklasse. Sind wir inzwischen derart verwöhnt? Nein, das ist schlichtweg mies im Vergleich zu dem Fisch, den ich in Valparaiso beim Peruaner hatte. Auf Peru freue ich mich, denn die Peruaner können wirklich gut kochen. Die Chilenen würzen so gut wie gar nicht, kennen nur (sehr wenig) Salz und Zitrone. Sonstige Sehenswürdigkeiten (außer Essen und Trinken) bietet Puerto Montt keine.

Handy weg

Nun sind wir nach drei Tagen Valparaiso auf dem Weg zurück nach Santiago, denn von dort gibt es viel mehr Möglichkeiten, weiter in den Süden zu fahren. Schließlich sind wir ganz klassisch per Ubertaxi zum Busbahnhof gefahren und haben uns dort ein Ticket am Schalter gekauft. Wir wollen es unbedingt vermeiden, mitten in der Nacht oder allzu früh morgens irgendwo anzukommen, wo wir dann mit dem kompletten Gepäck erst stundenlang warten müssen, bis wir eine Unterkunft finden oder es sonstwie weitergeht. Der bequeme Bus des Unternehmens Condor tröstet nicht ganz darüber hinweg, dass wir nicht unsere gewünschte Verbindung nach Pucon bekommen haben. Die Sitze sind weich gepolstert, die Beinfreiheit geradezu luxuriös. Ein großes Display zeigt an, wie schnell der Bus unterwegs ist und Schilder weisen die Fahrgäste darauf hin, dass sie sich beschweren sollen, wenn der Fahrer zu schnell fährt. Tatsächlich ertönt eine Hupe, wenn er mal versehentlich über hundert fährt. Gebirge und Hügellandschaften ziehen an den Fenstern vorbei. Der Mischwald besteht aus Laub- und Nadelbäumen sowie Palmen, es gibt kaum Unterholz und alles scheint staubtrocken zu sein. Die Straße ist eine perfekt ausgebaute vierspurige kreuzungsfreie Autobahn. Eine der besten Straßen seit Malaysia und Singapur. In Neuseeland gab es nur um Auckland herum ein paar größere Straßen, ansonsten waren alle State Highways einfache Landstraßen, Brücken häufig einspurig. 

Was soll ich sagen, wir verbringen einen weiteren Tag in Santiago, denn unser Bus nach Süden fährt erst um 21 Uhr. Bis dahin besichtigen wir noch ein Kunstmuseum und einen Park. Wiederum sehen wir einige Menschen, die hier im Zelt oder auf Matratzen ihr Lager bezogen haben. Wer nämlich in diesem Land den Job verliert ist schnell auch die Wohnung los und dann bleibt oft nur das Zelt, das eigentlich für den nächsten Urlaub gedacht war. Bei einem Mindestlohn von rund 420 Euro – die einfachen Leute verdienen kaum mehr als das – kann man auch schlecht irgendwelche Reserven bilden. Vielen bleibt nichts anderes übrig, sie tragen entbehrliche Wertgegenstände oder einfachen Hausrat zum Flohmarkt, um es zu Geld zu machen. Wir sehen junge Leute, die in der Rotphase vor der Autoschlange an einer Ampel mitten auf der Straße artistische Kunststücke vorführen. Anschließend sammeln sie Kleingeld ein. Andere kommen auf krumme Ideen. So hat mir heute irgendjemand in der Metro das Mobiltelefon aus der Tasche gezogen. Sehr ärgerlich für mich, das grenzt ja heutzutage fast an Amputation. Ich wünsche dem Dieb jedenfalls viel Spaß mit dem alten Gerät. Es war nicht mehr viel wert, der Akku hielt mit Ach und Krach noch einen halben Tag und ständig stürzten Apps ab. Ich habe das Handy jedenfalls sofort über Google gesperrt und meine Daten gelöscht.  

Trotzdem hat mir die Sache mindestens eine Nacht und die nächsten Tage total versaut. Der Nachtbus nach Villarica war so schon eine Foltertour. Luxuriöse Sitze, aber mit eingesessenen Mulden für Menschen, die mindestens einen, wenn nicht zwei Köpfe kürzer sind als ich. Mit eingeklemmten Brust- und Lendenwirbeln träume ich vom Taschendieb. Es kommt aber noch schlimmer: Kurz vor halb sechs Uhr kommen wir an, es herrscht noch komplette Dunkelheit, eine gottverlassene Straße und ein paar müde Straßenhunde begrüßen uns bei etwa 6 Grad. Zumindest lange Hosen haben wir an.

Doch Villarica entpuppt sich bei Licht doch als ein schöner Fleck. Fast von überall in der Stadt kann man den riesigen Vulkan sehen, der auch noch ganz idyllisch hinter einem riesigen See liegt. Es ist zwar eine Feriengegend, aber hier sind ausschließlich chilenische Touristen unterwegs. Erstaunlicherweise fallen wir trotzdem kaum auf, im Gegenteil, manchmal werden wir angeredet, als ob man uns für Chilenen halten würde. Das chilenische Volk ist ein derartiges Gemisch aus vielen Völkern, da gibt es spanische, englische, kroatische, deutsche und viele andere Wurzeln. In die chilenische Sprache haben aus dem Deutschen einzig die Wörter „Yah“(=Ja) und „Kuchen“ Eingang gefunden, dafür ist Kuchen aber bis heute SEHR wichtig in Chile. Überall gibt es Kuchen, bestimmt essen die Leute mehr Kuchen als Brot. Die nette kleine Stadt erwandern wir zu Fuß, die angebotenen Ausflüge zu diversen Wasserfällen oder Thermalquellen sparen wir uns aber. Wir verbringen eineinhalb Tage damit, ein neues Handy für mich zu kaufen sowie eine neue SIM-Karte zu aktivieren. Alles nicht so einfach hier!

Valparaiso und nochmal Santiago

Die Hafenstadt Valparaiso am Meer gefällt uns sehr, auch wenn sie ihres Namens spottet. Erstens ist da kein Tal, zweitens gar nichts paradiesisch. Die Stadt ist extrem lebendig, jung und ein wenig kriminell. Kneipen, Kunst und Leben überall. Angeblich auch gefährlich. Als uns der Uber-Taxifahrer am Hostel in der Avenda Templeman absetzt, warnt er uns: Dies sei derzeit eine der gefährlichsten Straßen der Stadt, erst letzte Woche ist ein kanadischer Tourist ermordet worden. Wir sind ein wenig verunsichert und legen alle Wertgegenstände ab, nehmen nur ein Handy und ein wenig Bargeld mit. Auf den Straßen rundum ist alles voller Streetart, nachmittags sind viele Menschen unterwegs. Wir fühlen uns eigentlich ganz wohl und zweifeln ein wenig, was wir glauben sollen. Letztlich überwiegt die Vorsicht und wir sehen zu, dass wir vor der Dämmerung zurück in die Unterkunft kommen. Von unserer winzigen Dachterrasse aus genießen wir noch die Aussicht auf die Bucht, den Hafen, die Stadt. Auf dem Dach des Nachbarhauses steht eine rostige Isetta. Wie das bayrische Kleinstauto wohl hierher gekommen sein mag?

Unser Hostel La Acuarela ist ein wenig Kommune, ein wenig Villa Kunterbunt. Das ganze Haus wirkt wie aus Abbruchmaterial zusammengezimmert: Küche und Gemeinschaftsbereich sind ein entkernter Fachwerkbau, die gußeiserne Wendeltreppe ist so eng, dass ich kaum mit meinem Rucksack durchpasse. Einige Fenster sind mit farbigen Scheiben verglast wie in einer Kirche; jeder Türstock anders bunt gestrichen. Zwei der drei Duschen bleiben trotz besten Zuredens kalt, die Seife in den Spendern besteht zu 99 Prozent aus Wasser und die Handtücher sind kratzig und hart vom Kalk. Genau so wie ich es mag! Jeder Gegenstand hier atmet seine eigene Geschichte, alles ist alt und ein wenig schief, aber liebevoll angebracht und dekoriert. Jeden Tag kommen abends andere junge Leute, vor allem Frauen, kochen und essen zusammen. Manche übernachten auch hier, manche duschen und essen bloß, wohl weil sie keine andere Möglichkeit haben. Zahlende Gäste gibt es nur wenige. Der einzige Fixpunkt ist ein junger Mann aus Argentinien. Er ist der Nachtwächter und schläft im ersten Schlafsaal im Erdgeschoß. Wir wohnen mitten im Unesco-Weltkulturerbe. Überall rundum ist Kunst – aber nicht wie die Kunst aus einem Museum, sondern lebendige, brandaktuelle Kunst mit Botschaften von hier und heute.

Mit Juan José unternehmen wir eine Sightseeingtour zu Fuß durch die Stadt. Er zeigt uns die besten, sehenswertesten und neuesten murales (Streetart – Wandbilder) und führt uns durch das verwirrende Gewirr der Gassen und die angesagtesten Viertel – unser Hostel liegt zufällig mittendrin. Fast alle Wandbilder haben eine mehr oder weniger versteckte politische Botschaft, die meisten protestieren gegen die staatliche Repression, viele prangern die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung oder den Raubbau an der Natur an. Auf einigen der gemalten Gesichter ist jeweils eins der Augen übermalt, teils in brutalem rot oder schwarz. Dies ist eine Art stiller Protest der Künstlergemeinde. Einige Demonstranten haben nämlich bei den Protesten im Tränengasnebel und Gummigeschoßhagel ein Auge verloren. Bei den Unruhen ging es um mehr als eine Fahrpreiserhöhung. Juan erzählt uns über die soziale Ungleichheit in Chile. Bessere Bildungschancen, angemessene Gesundheitsvorsorge und ausreichende Altersvorsorge sind in extremer Weise der reichen Oberschicht vorbehalten. Einfache Rentner haben kaum ein Auskommen, auf einen simplen Bluttest muss man Monate warten, wenn man keine private Krankenversicherung hat.

Meinen Geburtstag verbringen wir mit Herumwandern in der atemberaubenden Atmosphäre dieser Stadt. Zum einen wegen der Kunst, zum anderen wegen des Reizgases. Am Geruch erkennt man sofort die Viertel, wo die Demonstrationen stattfinden. Ich frage mich, wie es sein kann, dass es noch am nächsten Nachmittag derart ekelhaft stinkt; wahrscheinlich sind die Mauern schon imprägniert. Jede Nacht wird von der Polizei großzügig ein neuer Aufguss nachgelegt. Uns laufen die Nasen, der Hals kratzt und die Augen tränen. Oben auf dem Hügel  bei der Casa Sebastiana merkt man nichts davon. Hier lebte Pablo Neruda, der beliebte chilenische Poet, Nobelpreisträger und Freund Salvador Allendes. Seine Verehrer haben das Haus in ein sehenswertes Museum voller netter Details verwandelt.

Wirklich ärgern müssen wir uns aber, weil das Kaufen eines Bustickets für die nächste Etappe einfach nicht gelingen will. Irgendwie gibt es ein Problem mit der Seite des Busunternehmens, immer wieder hängt die ganze Sache, dann geht es doch weiter: Endlose Formulare müssen ausgefüllt werden. Warum will das Reiseunternehmen eigentlich wissen, ob wir verheiratet sind? Als ich dann zum Bezahlen komme, stockt der Prozess unerbittlich. Drei- oder viermal mache ich die ganze Tortur mit, dann gebe ich es auf. Wie damals in Indonesien habe ich nun einen ganzen Bus mit meinen digitalen Geisterklonen besetzt. Aber keins der Tickets kann ich bezahlen, geschweige denn wirklich bekommen.

Paco muerte

02.02.2020 Santiago de Chile

Heute sind wir beinahe ein wenig zwischen die Fronten geraten. Ein ausgedehnter Spaziergang führte uns nach Bellavista: ein Künstlerviertel, welches auch für seine Cafés, Bars und Theater berühmt ist. Wir sehen nicht nur hervorragende Streetart, sondern auch das Haus, in dem einst Pablo Neruda lebte. Auf dem Weg begegnen uns im Parque Forestal viele Obdachlose und Bettler. Die Verlierer dieser Gesellschaft leben in Pappverschlägen, Zelten und Sperrmüll unter freiem Himmel. Kurz drauf wundern wir uns über viele Pflastersteine und Betonbrocken, die lose auf der Straße liegen. Hat hier ein Lastwagen einen Teil seiner Ladung verloren? Komischerweise hat das Pflaster auf dem Gehsteig viele Lücken.

Ein paar Straßen weiter lesen wir die Parolen und Graffitis an einem verbarrikadierten Gebäude – gerade sind Arbeiter dabei, eine Mauer vor die Glasfront im Erdgeschoss zu betonieren, große Rollen Stacheldraht schützen einen Balkon. Ich spreche einen jungen Mann an und erfahre, dass es sich um Gebäude einer privaten Universität handelt, die im Verlauf der Unruhen stark beschädigt wurden. Hier sei das Zentrum der Unruhen, so erklärt uns Carlos, hier versammeln sich allabendlich die Protestierenden. Wir sprechen fast eine Stunde lang mit ihm. Der Exilvenezolaner wohnt um die Ecke, das Tränengas kann man noch im ganzen Viertel riechen. Bei der Straßenschlacht gab es einen Toten – der Mann ist von einem gepanzerten Polizeiauto überrollt worden.

Wir stehen an einer sechsspurigen Straße, die wir überqueren wollen. Die Ampel ist ausgefallen. Zum Glück sind hier ein paar Jugendliche, die den Verkehr regeln: Sie tragen Warnwesten und pfeifen mit ihren Trillerpfeifen. Sie haben sich einen gefährlichen Job gesucht – nicht alle Autofahrer bremsen. Als wir später an die selbe Stelle zurückkommen, haben sie mitten auf der Kreuzung ein Lagerfeuer entzündet. Alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss halten sie jetzt die Autos an, indem sie eine Reihe von Feuerlöschern auf die Straße stellen. Mit Schals oder T-Shirts ums Gesicht gewickelt fordern sie Geld von den Autofahrern – einige drehen schnell um, andere werden gestoppt, zahlungsunwillige werden mit dem Löschpulver eingestäubt. Wir sehen zu, dass wir wegkommen. Verständlicherweise bin ich nicht zum Fotografieren gekommen. Keine Minute später: Sirenengeheul, vergitterte Polizeiautos brausen heran. Paco muerte bedeutet so viel wie „Tod den Bullen“.