Indiana Jo und der Tempel der Glühwürmchen

Dschungel, Wasser, Höhle

Das war einer der schönsten Tage unserer Reise bisher: Einen riesigen Wasserfall erklimmen und darin baden, einsam durch den Dschungel wandern, eine fast unbekannte, finstere Höhle erforschen, im klaren Wasser eines Baches baden, tausende Schmetterlinge und andere Insekten beobachten. Genau mein Ding!

Tat Kuang Si heißt der Wasserfall, den wir per Leihroller in einer knappen Stunde (30 Kilometer von Luang Prabang) über abenteuerliche Straßen mit kinderbadewannengroßen Schlaglöchern und über wackelige Holzbrücken erreichen. Der Wasserfall besteht aus vielen Stufen, dazwischen laden Dutzende Becken mit türkisblauem Wasser zum Abfrischen oder Schwimmen ein. Riesige, ineinander übergehende Sinterterassen haben sich über die Jahrtausende gebildet: Das Calziumcarbonat aus dem extrem mineralhaltigen Wasser kristallisiert überall: Auf Felsen, Wurzeln, Baumstämmen, aber auch auf der überspülten Holztreppe, die wir vorsichtig erklimmen. Im Halbdunkel des Dschungelpfades geht es stetig bergauf. Hier ist der Kreislauf des Lebens überdeutlich sichtbar: Blühendes Leben, gewaltige, kraftstrotzende Vegetation, undurchdringliches Dickicht zieht seine Kraft aus moderndem Zerfall und verwesendem Biomaterial. Tausende kleinste Insekten, Würmer und Pilze zersetzen sofort alles, was nicht mehr lebt.

Ich entdecke viele verschiedene Grashüpfer, Spinnen, Termiten. Ein faustgroßes Ameisennest hängt in Hüfthöhe neben dem Pfad: Ein Masse aus krabbelnden Leibern. Manche Ameisenarten schwärmen wie Honigbienen. Angeblich leben hier noch Tiger, Loris, Schwarzbären und Leoparden. Die unteren Bereiche des Parks sind noch recht leicht erreichbar. Ganz oben erfordert es schon ein wenig Ausdauer. Da wir mit die ersten Besucher sind, haben wir das Naturschauspiel bald für uns allein, je weiter oben, umso ruhiger wird es – vom Tosen der Fluten abgesehen. Der Blick von ganz oben ist überwältigend: Wir stehen in dem flachen Wasser, welches kühl und munter unsere Beine umspült und direkt unter uns etwa hundert Meter herabstürzt. Nur eine wackelige Holzkonstruktion trennt den mutigen Wanderer von der Kante.

Wir folgen einem Pfad, der uns etwa eine Stunde weit durch dichten Regenwald zu einer kleinen Höhle führen soll. Es ist unglaublich heiß und stickig. Sobald wir kurz stehenbleiben, überfallen uns Myriaden kleiner Fliegen und Moskitos. Trotzdem ist diese Wanderung ein wunderschönes Erlebnis, denn wir werden ständig von einer großen Zahl unterschiedlicher wunderschöner Schmetterlinge umflattert. An manchen Stellen ist der Lehm des Weges von einem kleinen Wasserlauf aufgeweicht. In den Pfützen trinken Hunderte der Schmetterlinge, vor allem die gelben und die schwarz-türkis gemusterten. Leider ist es sehr schwierig, sie zu fotografieren.

Der Pfad mündet in eine Lichtung, eine Frau verkauft Wasser. Wie kann sie es den ganzen Tag hier in der Hitze bei den Mücken aushalten? Für 1000 Kip (~1€) erhalten wir unsere Eintrittskarte – wir sind weit und breit die einzigen Menschen. Es ist ein wenig sonderbar, sie besteht darauf, dass wir sie nehmen. Dazu gibt es pro Nase zwei Bananen und eine schwache, funzelige Taschenlame. Wir erklimmen die Stufen in die Felswand, vor der kleinen Höhle stehen ein paar Buddhastatuen. Daneben ein tiefes, dunkles Loch. Wir kommen uns vor wie Abenteurer, als wir uns ins Dunkel vortasten. Irgend etwas streift den flauen Lichtkegel der Lampe: Eine Fledermaus. Mit jedem Meter wird es dunkler und kühler, der Boden ist uneben und ein wenig rutschig. Begeistert entdecke ich lange, klebrige Fäden, die in Gruppen von der Höhlendecke hängen. Davon habe ich bereits gelesen: Es handelt sich um Spinnfäden von einer Art Glühwürmchen, die mit Hilfe dieser Fäden vorbeifliegende kleinste Insekten fangen. Ganz weit hinten ist es stockdunkel, nicht der kleinste Schimmer Tageslicht dringt bis hier. Eine Nische mit mehreren sitzenden Buddhas ist schon seit Urzeiten ein Ort der Andacht und Verehrung für die Leute aus der Umgebung. An dieser Stelle drehen wir um und kehren ans Tageslicht zurück.

Auf dem Rückweg begleiten uns nicht nur die Schmetterlinge, sondern auch unglaublich laute Zikaden. Ein glasklarer Bach lädt zum Baden ein. Doch als wir den Wasserfall wieder erreichen, ist der Zauber der Einsamkeit vorbei. Mittlerweile picknicken, planschen und grölen hier Horden überwiegend koreanischer und chinesischer Touristen. Mit Kamera-, Handy- und Selfiestab bestückt, wie sie sind, ist kein Fleck sicher vor ihnen. Einer läuft an mir vorbei; in einer Hand die Actioncam am Handstativ vor sich her schwenkend, in der anderen das Smartphone, eine Atemmaske vor Mund und Nase, riesige Kopfhörer auf den Ohren. Der lebt scheinbar in seinem eigenen Kosmos. Warum ist der überhaupt hier? Und was die Chinesen wohl zu dem letzten Teil des Parks sagen mögen? Hier leben ein paar Schwarzbären in geräumigen Gehegen. Sie wurden aus einem grauenhaften Leben in Bärenfarmen befreit. Noch heute gibt es leider in der traditionellen fernöstlichen Medizin Bedarf an Bärengalle – um sie zu gewinnen, werden die armen Tiere in winzigen Käfigen gehalten.

09.09.2019 Luang Prabang 7 Uhr 17

Schwitzen

Die Nacht verbringen wir im verschlafenen Pak Beng, hier ist so gut wie gar nichts los. Abends auf dem Heimweg vom indischen Lokal entdecke ich einen Blechschuppen, in dem ein paar Männer an zwei riesigen Tischen Poolbillard spielen. Das scheint der einzige Freizeitspaß zu sein. Abends schieben die Einwohner ihre Mopeds und Roller in die Hausflure, wir sehen sogar Pickups im Wohnzimmer geparkt.  

Am nächsten Tag geht es mit einem anderen, etwas rustikaleren Boot weiter. Die Bordtoilette verfügt über eine manuelle Kellenspülung mit Flusswasser. Auf dem Boden schwappt es. Spa anders. Die Landschaft ist ähnlich wie gestern, vielleicht noch etwas wilder. Die Mannschaft lädt das Gepäck vom vorderen in den hinteren Teil des Bootes um, damit der Kahn stabiler im Wasser liegt. Kurz darauf wissen wir, warum: Stromschnellen und Untiefen wechseln sich ab, sie machen die Fahrt kurzweilig und interessant. Ab und zu kommt ein kleiner Schwall Wasser herein und tauft den einen oder andern Passagier. Auf vielen der Felsen im Wasser sind drei- oder vierstufige Betonsockel errichtet, die bei Hochwasser vor dem Hindernis warnen. Jetzt ist wenig Wasser im Fluss. Bambusstangen stecken überall und warnen vor tückischen Untiefen. An einem der Zwischenstopps stehen Wasserbüffel am Ufer und kratzen sich an einem eisernen Pfahl. Kleine Kinder kommen an die Bordwand und verkaufen bunte Armbändchen.

Mit Paola und Timo, zwei Travellern aus der Nähe von Frankfurt, unterhalten wir uns gut. Die jungen Leute sind auch schon ziemlich weit herumgekommen. In Luang Prabang legt das Slow Boat außerhalb der Stadt an. Ich bin ein wenig verärgert, denn es gibt natürlich auch im Ort Anleger. So aber müssen wir erstmal das Gepäck über eine sehr steile, lange Treppe hinaufschleppen. Oben wartet eine Traube junger, kraftstrotzender Tuktukfahrer auf die schwitzenden Westler. Pro Nase kostet die Fahrt ins Zentrum 20000 Kip (~2€). Wir lotsen den Fahrer mit MapsMe, einer sehr  empfehlenswerten Handyapp zu dem Hotel, das wir uns ausgesucht haben. Das Zimmer ist das modernste, das wir bisher hatten: Ein ultramodernes Bad, Kühlschrank, jede Menge Steckdosen, die zur Abwechslung mal keine funkensprühenden Wackelkontakte produzieren, drei helle Lampen – wir sind inzwischen an schummrige Funzeln gewöhnt. Leider ist es ein Dreibettzimmer und deshalb ein wenig eng. Morgen werden wir umziehen.

Eine schweißtreibende Nacht liegt hinter uns. Wir fühlen uns wie Sticky Rice, der Klebreis, der hier überall gegessen wird. Und das trotz Klimaanlage. Wenn diese nämlich zu stark kühlt, bekommt man trockene Schleimhäute und leicht eine Erkältung. Wenn sie zu wenig kühlt, schwitzt man selbst im Schlaf. Sobald wir unser klimatisiertes Zimmer verlassen, ist es, wie wenn wir gegen eine Wand laufen würden. Doch der Tag wird noch viel schlimmer, zumindest klimatisch. Ich leide. Normalerweise neige ich nicht besonders zum Schwitzen, aber hier läuft ein beständiger Strom von meiner Stirn in die Augen. Keine Chance, das noch irgendwie abzuwischen. Vom restlichen Körper zu schweigen. Um neun Uhr morgens sind wir komplett nass geschwitzt, obwohl wir auf Leihfahrrädern die nette Stadt Luang Prabang erkunden und so immer wieder ein wenig Fahrtwind genießen.

Die Stadt ist charmant. Hier stehen noch alte Villen aus der französischen Kolonialzeit. Zusammen mit dem tropischen Ambiente, den Palmen und Kletterpflanzen gibt das eine schöne Mischung. Zufällig geraten wir auf mehrere lokale Märkte, wo alles mögliche angeboten wird: Unter anderem riesige Frösche am Spieß und gekochte Hühnerköpfe und -füße. Wir besuchen eine Art FairTrade-Laden für Produkte lokaler Weberinnen und ein Museum über die vielfältigen Völkergruppen in Laos. Bei Big Brother Mouse kaufen wir ein Bücherpaket für mittellose Kinder in den Bergregionen. Die Organisation hat sich der Alphabetisierung der armen Landbevölkerung verschrieben. Eine sehr schöne Sache!

Abends bekommen wir unsere Wäsche vom Laundry-Service zurück. Es ist fast wie Weihnachten. Wenn man, so wie ich, nur zwei T-Shirts und zwei Hemden dabei hat, muss man täglich per Handwäsche das Nötigste reinigen. Aber nach ein paar Malen gelingt das nicht mehr so überzeugend. Zum Glück gibt es auf der Backpacker-Route überall günstige und gute Angebote, die unsere Schmutzwäsche innerhalb von zwölf Stunden reinigen und trocknen.

Laos und der Mekong

Wollt ihr ein wenig über Laos wissen?
Wenn nicht, überspringt einfach das nächste Kapitel. Ich war überrascht, was ich alles noch nicht über dieses Land gewusst hatte. Hier eine kleine Zusammenfassung aus dem Lonely Planet, unserem Reiseführer und aus Wikipedia.

Laos ist nicht nur zu 50% von Wald bedeckt und landschaftlich wunderschön, sondern auch sehr arm.
Ein großes Umweltproblem sind neben der Entwaldung und Vernichtung von Fauna und Flora zur Land- und Holzgewinnung die Unmengen an Blindgängern, die aus dem Vietnamkrieg stammen. Es handelt sich um einen der Staaten mit den größten Mengen an scharfem Kriegsmaterial im Boden. Von den mehr als zwei Millionen Tonnen Bomben, die zwischen 1964 und 1973 von den amerikanischen Luftstreitkräften über Laos abgeworfen wurden, sind bis heute etwa 50 Prozent des Territoriums betroffen. Pro Einwohner waren das 2,5 Tonnen Bomben, damit ist Laos eines der am schwersten bombardierten Länder weltweit. Für einen landwirtschaftlich geprägten Staat stellt dies ein großes Problem dar, da regelmäßig Menschen durch Blindgänger verletzt oder getötet werden. Projekte, welche sich mit der Aufklärung der Bevölkerung und der Beseitigung von Blindgängern beschäftigen, sind mit die größten Arbeitgeber des Landes. Finanziert werden sie von der UNDP sowie einigen Industriestaaten und Hilfsorganisationen, jedoch nicht durch die USA, die bis heute keinerlei Reparationszahlungen leisten.

Das Land hat etwa zwei Drittel der Fläche Deutschlands, aber nur etwa 7 Millionen Einwohner, wobei rund 40% die großen Städte Vientiane, Pakse, Savannakhet und Luang Prabang bewohnen. Die Landwirtschaft produziert durchaus Überschüsse, allein können die Produkte aufgrund fehlender Infrastruktur nicht in Handel gebracht werden. Es fehlt der Zugang zu den Märkten. In den ländlichen Gebieten herrscht Subsistenzwirtschaft und Tauschhandel. Hauptexportgüter sind Holz, Kaffee und elektrische Energie aus Wasserkraft. Im Index für wirtschaftliche Freiheit belegte das Land 2017 Platz 133 von 180 Ländern.

Malaria, Dengue-Fieber und Typhus sind neben anderen Tropenkrankheiten verbreitet, es gibt durchaus nicht überall Zugang zu sauberem Trinkwasser und die Lebenserwartung beträgt durchschnittlich 67 Jahre.
Noch in den 1990er Jahren war Laos neben Myanmar und Afghanistan der größte Opiumexporteur weltweit, bis heute hat das Land große Probleme mit den einheimischen Abhängigen. Drogenhändlern droht die Todesstrafe, den Opiumbauern jedoch fehlen alternative Cash Crops, also geldbringende Produkte. Nur zwei Drittel der Männer und ein Drittel der Frauen über 15 Jahren können lesen und schreiben, rund 40 % der Laoten haben noch nie eine Schule besucht. Laos ist ein kommunistischer Staat, einer von weltweit nur noch fünf. Auf dem Korruptionsindex liegt das Land weit vorne. Vertreter einflussreicher Familien streben gezielt politische Ämter an, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Seit den 1980er Jahren wurde eine Politik der Öffnung betrieben und mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft geht es langsam voran.
Die meisten Laoten sind Buddhisten, es gibt unter den Bergvölkern auch Animismus und Ahnenkult. Kleine Gruppen von Muslimen und insbesondere Christen sehen sich mit massiven Einschränkungen konfrontiert. Konflikte mit dem Hmong-Volk, welches in den 1970er Jahren von der CIA als Konterguerilla instrumentalisiert wurde, bestehen fort. Die letzten Widerstandsgruppen leben in bitterer Armut in Bergregionen, es kommt auch heute noch immer wieder zu Anschlägen in und um Vientane. Andererseits wird auch von Menschenrechtsverletzungen seitens des Militärs berichtet.

Heute befahren wir den Mekong von Houai Xai bis Pakbeng, wo wir übernachten. Morgen geht es dann weiter bis Luang Prabang. Die Bootsfahrt ist nach der vielen Busfahrerei in den letzten Tagen entschleunigend. Wir sitzen in einem langgestreckten hölzernen Kahn, der zum Glück ein festes Sonnendach hat. Vor dem Maschinenhaus am Heck gibt es sogar Toiletten und eine kleine Imbisstheke. Die Verkäuferin hat ihren Sohn dabei, ein etwa 12-jähriger pummeliger Junge mit Downsyndrom. Im Vorbeigehen tippt er ein bisschen auf meiner Tastatur herum und wir lachen. An uns zieht eine fantastische Landschaft vorbei: Undurchdringlicher Urwald, hohe Berge, sanfte grüne Hügel, ganze Wälder von Riesenbambus, gelegentlich auch landwirtschaftliche Flächen und ganz selten auch menschliche Ansiedlungen wechseln sich ab. Links ist zunächst Laos, rechts Thailand, bis sich der Fluss nordöstlich nach Laos hinein windet. Andere lange, oft offene Boote begegnen uns. Ein paarmal schießt ein Schnellboot mit ohrenbetäubendem Lärm vorbei. Die Piloten tragen meist einen Integralhelm, wie bei einem Rennboot. Immer wieder rücken steile Ufer ganz nahe und die Fahrrinne im Fluss führt dicht an schroffen Felsen vorbei. Hinter den hausgroßen Basaltbrocken und in den engen Flusskehren bilden sich riesige Strudel und Kehrwasser, teils Wildwasser. Das schlammig braune Wasser schäumt hier ziemlich ungemütlich. Wir hoffen sehr, dass der Kapitän sich gut konzentriert. Ab und zu halten wir an kleinen Anlegestellen an, jemand steigt ein oder aus, es werden Bündel und Paketen herüber gereicht. Eben ist der junge Mann neben mir über die Brüstung unseres Bootes geklettert. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ein kleines Ruderboot längsseits gekommen ist. Mit einem großen Schritt steigt er zu seinem Kumpel hinunter, der ihn hier abgeholt hat. Wie haben sich die beiden bloß verabredet? Wo wollen sie nur hin? Weit und breit ist nichts zu sehen.

Leider hat der paradiesische Panoramablick auch Schattenseiten. Immer wieder treiben Müllteppiche vorbei. Zweimal fällt mein Blick zufällig auf die aufgedunsenen Kadaver von Kühen. Kein schöner Anblick. Als wir am Tagesziel anlegen, beobachte ich, wie die Imbissverkäuferin sich mit aneinandergelegten Händen mehrfach zum Fluss hin verneigt. Sie spricht ein kurzes Dankgebet für die gute Ankunft. Dann greift sie ins Regal und wirft ohne Zögern eine Handvoll in Plastikfolie verschweißter Schokoriegel ins Wasser. Das war das Opfer.

Wir sind Millionäre!

Die Busfahrt von Chiang Rai zur Grenze nach Laos ist relativ kurz, der altersschwache Bus braucht für die gut 100 Kilometer etwa zweieinhalb Stunden. Die thailändische Grenzstadt heißt Chiang Kong, ihr gegenüber in Laos liegt Houai Xai.
Von der Schnellstraße ein paar Kilometer außerhalb Chiang Kong bis zur Grenze müssen wir zunächst in ein Tuktuk umsteigen, anschließend die thailändischen Grenzformalitäten über uns ergehen lassen (zeitraubend, aber problemlos), ein Ticket kaufen, Geld wechseln (für 4000 Baht gibt es 1.140.000 Kip!), dann in einen Reisebus steigen, der uns über die Mekongbrücke bringt, das Visum für Laos beantragen, wiederum die Passkontrolle passieren, dreißig Dollar Einreisegebühr bezahlen (nur neuwertige Scheine!), nochmal ein Ticket kaufen und schließlich per Taxi in die Stadt Houai Xai fahren.
Die Gebäude der Grenze sind auf beiden Seiten riesig und pompös, es fehlt eigentlich bloß noch der echte Marmorfußboden. Die Straßen sind besser ausgebaut als so manche deutsche Autobahnen, aber nur auf den ersten paar hundert Metern ins Landesinnere. Auf laotischer Seite verwandelt sich der Weg dann flugs in einen kariösen Feldweg, der uns über löchrige, einspurige Brücken in die Grenzstadt führt.

Große Überraschung: Auf einmal sind die Lenkräder wieder auf der richtigen Seite und alles fährt rechts! Für uns ist das eine echte Umstellung. Wir suchen uns eine Unterkunft, was dank Nebensaison überhaupt kein Problem ist, essen etwas verspätet zu Mittag und laufen dann ein wenig durch den verschlafenen Ort. Das Preisniveau ist deutlich niedriger als in Thailand, das noble Hotelzimmer kostet ~10€, zwei Espressi und ein Stück Kuchen ~2,50€, ein Bier ~1,00€. Um halb acht Uhr abends werden dann hier auch die Bordsteine hochgeklappt und es ist nichts mehr los.

Uns ist es recht, denn morgen früh geht’s per Slow Boat auf den Mekong. Wir werden das Goldene Dreieck hinter uns lassen und uns wieder Richtung Südosten bewegen. Mit etwa 20°N haben wir den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht, es wären jetzt noch 220 Kilometer Straße bis China, Luftlinie 130 Kilometer.

Zurück nach Chiang Mai

Die Plätze im Minibus haben wir uns bereits gestern gesichert. Eine halbe Stunde vor Abfahrt sind wir da, denn ich möchte mir einen der zwei Plätze sichern, wo ich meine langen Beine ausstrecken kann. Die Fahrt von gut 130 Kilometern dauert rund dreieinhalb Stunden zum Preis von 150 Baht pro Person. Diesmal teilen wir uns den vierzehnsitzigen Toyota Lanna mit einer thailändischen Großfamilie. Zunächst erschrecke ich ein wenig, als ich die schreienden Kinder und die laut schnatternden Frauen sehe. Sobald sich der Bus in Bewegung setzt, wird es rasch ruhiger und bald schlummern alle brav. Der Fahrer ist ein Könner seiner Zunft, ein echter Kurvenoptimierer. Auf den schlängeligen Bergstraßen holt er vor jeder Haarnadelkurve weit aus und nutzt die gesamte Straßenbreite inklusive Gegenfahrbahn aus, um auf der Ideallinie zu fahren. Zum Glück ist Sonntagmorgens noch nicht viel Verkehr. Die Straßenhunde sind hier wirkliche Straßenhunde, sie liegen schlafend mitten auf der Fahrbahn. Da ein echter Buddhist keinem Tier gern wehtut, werden die Tiere großräumig umfahren. Mir scheint, dass es in den letzten Jahren viel mehr dieser Straßenhunde geworden sind. Vor vier Jahren bei unserer letzten Reise hierher haben wir zwar auch welche gesehen, aber es waren bei weitem nicht so viele.  

Nachmittags schlendern wir durch Chiang Mai, das wir schon von unserer letzten Thailandreise kennen. Uns scheint, dass alles viel touristischer geworden ist. An jeder Ecke gibt es Hostels und Kneipen, die sich auf die Bedürfnisse der überwiegend jungen Backpacker eingestellt haben. Im Schlafsaal bekommt man teilweise ein Bett unter 100 Baht (~3€). Ich frage mich, ob da die Bettwanzen schon dabei sind. Auf dem Sonntagsmarkt in der Rachadamnoen Road reiht sich kilometerweit ein Stand an den anderen. Wir sind noch sehr zeitig dran und beobachten, wie die Verkäufer ihre Stände aufbauen. Dabei wird das ganze Viertel über Lautsprecher, die an den Laternen hängen mit einer Art Weihnachtsmusik in Endlosschleife beschallt.

Die meisten Ständler verfügen über faltbare Pavillons oder Sonnenschirme. Darüber breiten sie große Plastikplanen, denn auch hier kann es jederzeit einen kräftigen Schauer geben. Aber es gibt auch Verkäuferinnen, die nur eine kleine Decke am Boden ausgebreitet haben auf der sie inmitten ihrer Ware sitzen. Von Kokosnusslampen und -schalen über Kleidung aller Art, Holz- Porzellan-, Glas-, Stoff- und Plastikelefanten, Schmuck, Gemälden, Kunsthandwerk, Gewürzen, Obst und Gemüse gibt es alles erdenkliche an Krimskrams und typischen Andenken. Eigentlich wiederholt sich das Angebot alle dreißig Meter. Mich interessieren da schon eher die auch hier reichlich vertretenen Imbissstände mit ihren Leckereien. So kann man sich zum Beispiel Meerestiere am Spieß aussuchen, die dann gleich gegrillt werden. Schweinshaxen warten auf hungrige Esser, alle Sorten von Dumplings, Teigtäschchen dümpeln in riesigen Suppentöpfen, gegrillte Käfer, Heuschrecken, Skorpione und Taranteln gibt es auch – aber eher als Kuriosität. So richtig essen sehe ich die Leute das nicht. Als der Markt so richtig in Gang kommt, endet die Lautsprecherbeschallung. Dafür sorgen nun viele verschiedene Gruppen, Solisten und Chöre für das musikalische Rahmenprogramm. Einige der Sänger sind blind. Für Blinde ist es eine der wenigen Möglichkeiten, sich als Sänger den Lebensunterhalt zu verdienen.

Höhlenflop

Auch heute sind wir wieder mit unserem kleinen Leihroller unterwegs. In Richtung Norden gibt es noch einen Wasserfall und ein mehrheitlich von Chinesen bewohntes Bergdorf. Die Straße ist wirklich extrem kurvig und steil. Ein wenig bedaure ich, dass wir kein richtiges Motorrad unterm Hintern haben. Aber es macht auch mit dem kleinen 120ccm Roller viel Spaß, durch die Kurven zu flitzen. Ich bemühe mich sehr, den größten Schlaglöchern und Längsrillen auszuweichen. Wir haben nämlich kein großes Verlangen nach dem speziellen Tattoo, welches bei intensivem Kontakt zwischen Haut und Straßenbelag fast kostenlos entsteht. In den Straßen von Pai sind uns schon einige junge Leute mit Verbänden an den Ellbogen und Knien oder mit Gipsbeinen aufgefallen, die das offenbar schon ausprobiert haben. Gerade rechtzeitig mit den ersten Schauern kommen wir wieder daheim in unserer Stelzenhütte an. Während ich diese Zeilen schreibe, geht ein wahrer Wasserfall von Monsunregen nieder. Da möchte ich nicht unbedingt per Zweirad unterwegs sein, insbesondere nicht mit zweifelhaftem Reifenprofil.

Nachmittags gönnen wir uns noch einen Ausflug zur Höhle Lod. Den Roller haben wir schon zurückgegeben, es wäre auch ein wenig weit dorthin. Mit dem Sammeltaxi, einem Isuzu Spacecab Pickup brauchen wir fast eineinhalb Stunden. Die Sitzbänke auf der Ladefläche sind nur marginal gepolstert, Gurte nicht vorhanden. Zum Glück regnet es wieder einmal, so dass sich der Raum unter der Plane nicht besonders aufheizt. Mit der Höhle haben wir leider nicht das große Los gezogen. Durch die vielen Regenfälle in letzter Zeit stehen zwei der drei Höhlenbereiche unter Wasser und können nicht besichtigt werden. Offenbar ist die Nationalparkverwaltung  bei der Genehmigung von Höhlentouren seit dem Vorfall im Juli 2018 restriktiver, was ja auch nicht schadet. Auch wir wollen nur ungern vom Wasser eingeschlossen werden, wie die Gruppe Jugendlicher damals. Angeblich kann man hier abends zigtausende Mauersegler und Fledermäuse beobachten, die sozusagen bei Schichtwechsel in die Höhle rein beziehungsweise hinaus fliegen. Heute allerdings ist ziemlich Flaute.

Entweder es ist noch nicht die rechte Tageszeit, oder die Saison stimmt nicht. Jedenfalls sehen wir nur ein paar Vögel und keine Fledermaus. Dafür schlängelt sich am Geländer des Höhleneinganges eine wunderschön giftgrüne Schlange. Es ist spannend zuzusehen, wie sie über die Hälfte ihrer Körperlänge frei in die Luft erhebt, um dann in der Felswand Halt zu suchen. Irgendein kleiner Riss oder Vorsprung genügt ihr, um dann den Rest ihres Körpers nachzuziehen.

Die Höhlenführerin mit ihrer Gaslaterne kriegt jedenfalls beinahe einen Schreikrampf und rennt geduckt an dem Tier vorbei, an die gegenüber liegende Seite des Weges gedrückt. Als ich das Tierchen fotografiere, regt sie sich furchtbar auf und winkt herüber. Später lese ich nach: Die Nasen-Peitschennatter, auch bekannt als Baumschnüffler (kein Witz!) ist nur mäßig giftig. Die Begegnung mit der Schlange am Eingang war jedenfalls um Längen besser als die Höhle dahinter.

Mit einem kleinen Bambusfloß staken uns die Höhlenführer über eine kleine Wasserfläche, das ist Teil der Show. In der Höhle selbst ist es extrem stickig, heiß und stinkt. Die Tropfsteine sind groß und mächtig, von den Chinesinnen werden sie natürlich gebührend betastet. Für jemanden, der bereits andere Höhlen besichtigt hat, ist das Ganze nicht so beeindruckend und kaum die anstrengende Anfahrt wert. Allein, dass es hier keine elektrische Beleuchtung gibt, macht einen gewissen Reiz aus. Die ängstliche Führerin, die zunächst ihre Laterne nicht zum Brennen brachte, uns dauernd vor den Gefahren warnte und später gleich mal selbst auf dem unebenen Untergrund gestolpert ist, hatte auch Unterhaltungswert.

Lustige Tierwelt

Abends kommt es noch zu einem blutigen Kampf. Er beginnt mit einem spitzen Schrei aus dem Badezimmer. Heldenhaft und todesverachtend stürze ich mich in den Zweikampf mit dem Untier, welches meine Frau bedroht. Eine stattliche, fast fingerlange Schabe nagt an unserer Bioseife aus dem Unverpackt-Laden. Das Tier weiß anscheinend Qualität zu schätzen. Wir aber wollen unsere Seife nicht mit jedem teilen. Mit ein, zwei gezielten Streichen eines plattgedrückten Chang-Bier-Dreiertragerls aus Pappe gelingt es, das Insekt vom Körperpflegemittel zu trennen. Da spreizt das Vieh doch tatsächlich die Flügel und fliegt davon! Aber schon in der Dusche kann ich den Eindringling stellen und endgültig liquidieren. Zum Glück tut der Kakerlak mir den Gefallen, mit letzter Kraft in die Toilette zu springen, so dass ein gnädiger Wasserstrudel das Kapitel Haustiere beschließt. Generell kann ich nur raten: NIE Speisen mit ins Zimmer nehmen! Nicht nur Schaben, sondern auch Ameisen, Termiten, Affen, Mäuse und Ratten können ausgezeichnet riechen und finden leicht einen Weg in die menschlichen Behausungen. Draußen gibt es meist irgendeinen Nagel, wo man sein Obst anhängen kann, im schlimmsten Fall endet dasselbe dann als Speise wilder Tiere, aber lieber das als die Viecher im Zimmer.

Überhaupt die Tiere: an das nächtliche Konzert von allerlei Getier haben wir uns inzwischen schon gewöhnt. Aber niemals habe ich derart laute Zikaden gehört wie hier. Von der Melodie her scheinen sie am ehesten eine Kreuzung zwischen Kreissäge und Messerschleiferei, bezüglich der Lautstärke übertreffen sie beides bei weitem.

Pai – ein kleiner Urlaub

Leichtfüßig und trittsicher wie die Berchtesgadener Gämsen trippeln wir an den chinesischen jungen Damen vorbei. Mit Kleidchen und Hütchen bekleidet sind sie gleich bei den ersten schroffen Abbrüchen des Pai Canyon stehen geblieben. Während die Mädels geschätzte 1000 Selfies schießen, wandern wir die Schlucht hinunter. Ein riesiger Bergrücken aus Lehm und Kiesel verwittert hier langsam aber sicher. In den von Wasser und Erosion gebildeten Canyons wachsen spärliche Bäume und Stauden, wir balancieren über schmale Grate und klettern rutschige Abhänge hinauf und hinunter. Man könnte hier sicher länger wandern, wir aber bleiben nur eine gute Stunde, bis wir vollkommen durchgeschwitzt zum Moped zurückkehren und Richtung Wasserfall Pam Bok fahren. Die nasse Kleidung klebt uns am Leib, auch im Fahrtwind trocknet sie nicht so schnell, dafür ist sie zu salzig.

Am Ziel wird gerade ein kleines Kassenhäuschen gemauert. Überhaupt stellen wir fest, dass für viele Sehenswürdigkeiten, die früher kostenlos waren, inzwischen Eintritt verlangt wird. Wir haben hier noch Glück und steigen die paar hundert Meter kostenlos hinauf. Oben treffen wir auf einen Einschnitt im Karstgebirge, wo das Wasser frisch, aber leider nicht ganz klar herabschießt. Zum Baden reicht es nicht ganz, aber ein wenig abspritzen können wir uns hier.

Eine alte Eisenbrücke aus der Zeit des zweiten Weltkriegs steht ein paar Kilometer außerhalb von Pai direkt neben der später errichteten modernen Brücke. Viel zu sehen gibt es hier nicht, am interessantesten finde ich die kleinen, terrassierten Reisfelder und die dazu gehörenden Bewässerungskanäle daneben. Die jungen Chinesinnen sind schon wieder da! Oder sind es diesmal andere? Jedenfalls würden sie mit ihren Kameras die arme alte Brücke totschießen, wenn sie es nicht schon wäre. Die Mädels werfen sich mit geschürzten Lippen in Posen wie die Filmstars. Wir überlegen schon, ob wir die beiden auch mal fotografieren sollen? Wahrscheinlich würde ihnen das gefallen.

Mit dem Moped geht es flink die rutschigen und kurvigen Bergstraßen hinauf (und hinunter) zur Bamboo Bridge. Ein sehr lieblicher Fleck! Die Gemeinde des Dorfes hatte die schöne Idee, ihre idyllisch gelegenen Reisterrassen und den Tempel besser zu vermarkten. Auch hier war der Eintritt früher kostenlos, lediglich eine Spende war erwünscht. Nun kostet das Beschreiten der Bambusbrücke 30 Baht (~90 Ct). Dafür wandert man über einen handgeflochtenen kilometerlangen Steg aus Bambus zum Tempel des Ortes. Die Ruhe und Beschaulichkeit der Gegend ist wunderbar! Wir nennen es das Auenland von Thailand.

Weiter nördlich gibt es eine geologische Besonderheit: Vor ein paar Jahren erst taten sich recht ansehnliche Spalten in der Erde auf. Die bis zu etwa zehn Meter tiefen und mehrere Meter breiten Spalten beeindrucken uns sehr. Wir fragen uns, was geschähe, wenn sie gerade jetzt weiter aufbrechen würden, wo wir hindurch wandern. Das Land gehört einem Biobauern, der uns anbietet, durch seine Obst- und Gemüsegärten zu spazieren. Touristen, die den sogenannten Land Split (gespaltenes Land) anschauen, können dies nach wie vor kostenlos tun. Der Mann lädt sogar jeden Besucher zu einem kleinen Imbiss mit Produkten seiner biologischen Farm ein: Es gibt Kürbiscracker, Bananenchips, Tamarindenmarmelade und getrocknete Tamarinden, Sternfrucht und dazu Rosellasaft. Uns gefällt die unaufdringliche Geschäftsidee des netten Mannes. Ich möchte mehr über die Biolandwirtschaft in Thailand erfahren, aber das Gespräch kommt nicht so recht in Gang, weil er fast gar kein Englisch spricht. Natürlich steht da auch es eine Spendenbox. Wir geben anscheinend so reichlich, dass seine Frau uns noch ein kleines Fresspaket aus Kürbischips und Bananen auf den Weg mitgibt.

Ayutthaya und weiter nach Pai

Ayutthaya war von 1350 bis 1767 die zweite siamesische Hauptstadt. Sowohl die Kultur als auch insbesondere der Handel boomten damals hier. Kaufleute aus aller Welt – ob europäisch, asiatisch oder chinesisch – ließen sich nieder und gegen Ende des 17. Jahrhunderts zählte die Stadt rund eine Million Einwohner. Ayutthaya war zu dieser Zeit eine der glanzvollsten Städte der Welt. Mitte des 18. Jahrhunderts kam es zu verheerenden Konflikten mit Birma und die gesamte Stadt wurde von den angreifenden Armeen niedergerissen. Die Schätze wurden geplündert, die Mitglieder der königlichen Familien versklavt. Das war ein Tiefpunkt für die gerade im Aufschwung befindliche Thai-Nation. General Taksin ließ drei Jahre später eine neue Hauptstadt ganz in der Nähe des heutigen Bangkok erbauen. Das war der Gnadenstoß für Ayutthaya, es wurde zu einer provinziellen Handelsstadt degradiert, die prachtvollen Bauten von einst verfielen mit der Zeit immer mehr. Heute ist die Stadt Weltkulturerbe und ein Anziehungspunkt für kulturinteressierte Touristen.

Wir sind zwei davon. Heute leihen wir uns mit die miesesten Fahrräder aus, die wir bisher auf der Reise überhaupt hatten. Bei meinem eiert das Tretlager sehr. Bei jeder Umdrehung der Kurbel rutscht mein Fuß fast vom Pedal. Durch die Achter in den Reifen schlingern die Drahtesel arg hin und her. Ich habe das Gefühl, als ob je ein dicker Mitfahrer auf dem Gepäckträger und auf dem Lenker sitzen und hin und her schaukeln würde. Trotz der Hitze fahren wir in rund sieben Stunden den Großteil der Altstadt ab. Die Ruinen der alten Prachtbauten sind verteilt über ein großes Areal von etwa drei mal zehn Kilometern, dazwischen ist eine moderne Stadt gewachsen. Antike Bauten stehen teils mitten in einem Wohngebiet oder zwischen Geschäftsstraßen. Größere zusammenhängende Areale sind zu Geschichtsparks zusammengefasst, für die man auch Eintritt bezahlen muss. Die Wats (Tempel), Stupas, Klöster und königlichen Paläste waren allesamt aus Backsteinen errichtet. Vielfach stehen nur noch Grundmauern, doch einige Wats sind noch fast vollständig. Manchmal gibt es noch Reste von kunstvoll verziertem Putz und Stuck mit Ornamenten und Figuren. Allgegenwärtig sind die Bruchstücke hunderter, besser tausender Buddhastatuen. Meist sitzen bloß noch die Beine im Lotussitz auf einem Sockel, oft wurden Teile der Torsi wieder aufgerichtet, ganz selten sind noch Kopf und Arme vorhanden.

Berühmt ist der Sandsteinkopf eines Buddha, der von den Wurzeln einer Würgefeige umschlossen die Besucher nachsichtig anzublicken scheint. Leider ist die Wandmalerei im Wat Ratchaburana zur Zeit nicht zu besichtigen, da sie renoviert wird. Trotzdem sind wir nicht vergeblich die steilen Stufen auf den pyramidenartigen Turm hinaufgeklettert. Oben treten wir durch eine dunkle Öffnung und gelangen in einen hohen, sehr engen Gang, dessen Wände sich einander zuneigen. Der Raum verjüngt sich dadurch nach oben hin und es ist fast vollständig dunkel. Die schwül-feuchte Luft hier drin ist so dicht, dass wir sofort klatschnass sind. Im Licht meines Mobiltelefons erkenne ich über mir ziemlich stattliche Fledermäuse, die in Trauben an der Decke hängen, einige fliegen auf und flattern um unsere Köpfe.

Per Zug fahren wir weiter nach Chiang Mai: zehn Stunden Reisedauer, doch dies ist nur ein Zwischenstopp, wir suchen uns ein günstiges Zimmer und fahren am nächsten Morgen weiter nach Pai.

Per Minibus von Chiang Mai nach Pai – schon beim Einsteigen fragen wir uns, wie das funktionieren soll. Der Toyota hat 14 Sitzplätze inklusive Fahrer. Ein Kofferraum ist so gut wie nicht vorhanden. Am Bus sind wir mit die ersten, bald kommt eine Gruppe mit sechs Amerikanern, dann eine Japanerin und eine Thai, schließlich noch zwei Briten und zwei weitere Amis. Beim Einladen des Gepäcks beginnt das Hauen und Stechen. Jeder Passagier hat mindestens einen Rucksack dabei, die meisten davon liegen in der Klasse zwischen 70 und 80 Liter, also Riesengeräte. Keiner möchte gern, dass sein Gepäck zuunterst liegt. Wer kennt noch Tetris? Das Einschichten von Menschen und Material wird zu einer Art Drück- und Schiebespiel. Als endlich alle sitzen, machen wir noch Witze über die vier roten Nothämmer, die über unseren Köpfen am Dach befestigt sind. Kein Mensch möchte in einem derartig voll besetzten Fahrzeug in eine Notsituation kommen – wir sind ja so schon komplett eingeklemmt. Zum Glück fährt der Chauffeur ziemlich vernünftig. Zuerst geht es eine Stunde über recht gerade Fernstraßen, dann weitere zweieinhalb Stunden über Serpentinen bergauf, bergab, dann wieder bergauf, eine Kurve nach der anderen, ohne Unterbrechung. Ich bin froh, dass es niemandem schlecht wird. Auch wir haben auf ein Frühstück verzichtet und auch bisher nichts getrunken. Die Landschaft ist schön, wir sind im immergrünen tropischen Regenwald unterwegs und durch die steilen Berge gibt es immer wieder grandiose Ausblicke in die Täler, die wir bereits durchfahren haben. Ab und zu ist ein Stück Straße wegen Hangabbrüchen weggerutscht, aber alle Gefahrenstellen sind vorbildlich markiert: Jeweils genau an der Abbruchkante stehen ein paar kleine orange Warnhütchen herum. Ein Glück, dass sie noch nicht vom Wind in den Abgrund geweht wurden. Wir passieren eine Unfallstelle. Ein Pickup hat sich hier erst vor ein paar Minuten überschlagen und liegt auf dem plattgedrückten Dach eingeklemmt zwischen Felswand und Straßengraben. Eine aufgeregte Frau läuft auf der Straße herum, die Polizei ist vor Ort. Für die Insassen sehe ich wenig Überlebenschancen.

Wir kommen zum Glück gut in Pai an. Die überwiegend junge Reise- und Partygemeinde findet in der netten Kleinstadt die besten Gegebenheiten. Pai liegt in einem lieblichen Tal, man kann von hier aus sehr gut Ausflüge in die Natur rundherum unternehmen. Für heute begnügen wir uns aber damit, eine kleine Hütte in einem dschungelartigen Garten am Stadtrand zu mieten und von da in eins der besseren Hotels zu flanieren, wo eine Liveband exzellenten Jazz spielt sowie Reggae und Rock von Marley bis Santana interpretiert.

Gleich unterhalb unseres Gärtchens liegt der Fluss. Als wir über die Brücke spazieren wollen, stellen wir fest, dass das Wasser dieselbe anscheinend vor kurzem weggespült hat. Bei der nächsten Brücke, ein paar hundert Meter weiter ist es das selbe.

Am nächsten Tag erfahren wir, dass der Fluss in diesem Jahr bereits vier mal so starkes Hochwasser geführt hat. Zum Glück steht unsere Hütte auf Stelzen.

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Liebe Freunde, liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht habt ihr es schon bemerkt, es gab technische Probleme mit dem Server unseres Blogs. Wir sind jetzt im Norden Thailands in Pai in einer netten kleinen Dschungelhütte. Der Internetzugang hier ist sehr gut, solange wir Strom haben. Ich hoffe, das Problem bald gelöst zu haben.