Völlig willkürlich wählen wir aus hunderten Möglichkeiten Plauen als nächstes Ziel. Die Stadt der Spitzen und des Zeichners E.O. Plauen (Erich Ohser) begrüßt uns mit eisigem Wind und sehr dünn gestreuter Gastronomie. Immerhin finden wir Quartier im Garten einer freundlichen Dame und nach einigem Suchen auch eine geöffnete Gastwirtschaft.
Wo einst Goethe nicht speiste
Der Vater des deutschen Comics und Erfinder der Geschichten von Vater und Sohn, Erich Ohser nannte sich E.O. Plauen um dem Berufsverbot als Regimekritiker zu entgehen. Heute ehrt man ihn in der Stadt mit Skulpturen seiner Hauptfiguren.
Letzten Endes wurde er trotzdem denunziert, verhaftet und angeklagt. Der Verurteilung durch das NS- Volksgericht entging er durch Suizid.
Jugendstilfassade im Detail
Durch traurige Dörfer und über holprige Landstraßen bewegen wir uns langsam weiter Richtung Osten. Das nächste Ziel ist Wechselburg mit seiner romanischen Basilika, der best erhaltenen und ältesten in Sachsen. Rund 1000 Jahre alt ist das wirklich sehenswerte Bauwerk.
Kirche WechselburgSuper Stellplatz an der MuldeWechselburg
Zwischendurch besuchen wir noch zwei berühmte Brücken: die Göltzschtalbrücke und die Elsterbrücke – leider eingerüstet wegen Instandsetzung.
Die Nacht im Bus ist wieder eisig. Morgens liegt tatsächlich Schnee auf der Frontscheibe. Ein warmes Lob auf unsere Heizung! Eigentlich wollten wir heute im Fichtelgebirge wandern, aber dafür ist unsere Kleidung nicht ausgelegt. Wir können uns lediglich zu einem Spaziergang zur Zeche „Kleiner Johannes“ motivieren. Hier wurden seit dem Mittelalter verschiedene Erze abgebaut, zunächst im Tagebau, später in tiefen Stollen.
Trotz Schneesturm fahren wir weiter nach Wunsiedel, das Zentrum des Sechsämterländes. Die Altstadt hat einen leicht morbiden Charme: Mittelalterliche Bauten, klassizistische Gebäude, aber auch viel Leerstand und Verfall.
Das mittelalterliche Sigmund-Wann-SpitalKoppetentor
Die Luisenburg haben wir bereits letztes Jahr angesehen, also nehmen wir uns heute das Fichtelgebirgsmuseum vor. Eine gute Entscheidung, auch angesichts des ungemütlichen Wetters. Es handelt sich um eines der größten Heimatmuseen Bayern und zeigt auf über 3000 Quadratmetern nicht nur Mineralien und Handwerk, sondern auch Spielzeug, historische Möbel, Werkstätten und vieles mehr. Dem Autor Jean Paul sowie den politischen Attentäter Karl Ludwig Sand, beide in Wunsiedel geboren, sind eigene Räume gewidmet.
Mineraliensammlung
Angesichts der stetig sinkenden Temperaturen sinkt auch unsere Wanderlust immer weiter. Ein Abstecher zum Fichtelsee endet kommentarlos im Schneegestöber, mein Schatz weigert sich schlicht, den Parkplatz zu verlassen.
Schneegestöber am Fichtelsee
Also reisen wir weiter Richtung Naher Osten. Etappenziel: Plauen.
Beim Städtchen Arzberg gibt es nicht nur das reizvolle Röslautal, Industrie- und Bergbauruinen der letzten Jahrhunderte und abgewickelte Porzellanindustrie, sondern auch einen wunderbaren Stellplatz mit warmer Dusche.
Alter BergbaustollenRomantische Schlucht
Die Gegend hat bestimmt schon wirtschaftlich bessere Zeiten gesehen. Wir sehen verfallene Fabriken und Villen, die von früherer Blüte zeugen. Der gesprächige Konditor präsentiert in seinem Laden eine beeindruckende Sammlung alter Kaffeekannen und Geschichten. Der Höhepunkt ist aber unser Spaziergang im Durchbruchtal des Flüsschens Röslau. Hier plätschert das dunkle Wasser durch uralte Gesteinsschichten. Schon Alexander von Humboldt hat in der Gegend als Bergbauingenieur gearbeitet!
Stadtplatz Weiden St. Joseph in Weiden/Oberpfalz
Zuvor hatte es uns nach Weiden verschlagen, wo wir überrascht sind von der Pracht der Altstadt. Wir trotzen dem eisigen Wind und schlendern über den österlichen Markt. Eigentlich wollte ich nur einen Schuster suchen, weil meine Schuhsohlen eigene Wege zu gehen drohen. Aber der hat heute leider geschlossen. Also bleibt nur der Weg zum Baumarkt, Kleber kaufen.
Übrigens reichen fünf Minuten ganz üppig, besonders wenn man nur eine Euromünze für den Warmwasserautomaten hat und der Raum etwa fünf Grad warm ist.
Von hier geht nichts mehr weiter. Es gibt hier auch so gut wie gar nichts. Praia Baixo heißt der Fleck. Ein Strand, eine Kneipe und das wars. Nein, außenrum noch einige halbfertige Rohbauten. Und zwei noble Villen von betuchten Leuten. Internet? Tröpfchenweise. Strom auch nicht immer.
Tote HoseGanz ruhig
Wer hier hängen bleibt, ist gut beraten, Lesestoff dabei zu haben. Zum Glück haben wir welchen. Und Kekse. Die Kneipe hat nämlich durchaus nicht immer auf. Wir schwitzen, schwimmen, lesen, dösen. Die Luft hat 32°, das Wasser 29. Da, wo der Wind weht, ist es auszuhalten.
Tarrafal ist bekannt für seine weißen Sandstrände, die einzigen auf Santiago. Alle anderen sind schwarz, was angesichts des vulkanischen Ursprungs des ganzen Archipels nicht verwundert. Jetzt in der Regenzeit ist auf den Stränden nur am Wochenende etwas los. Unter der Woche versinkt der ganze Ort in einen Halbdämmerschlaf.
RuheBeschauliches StrandlebenEiner der vielen halbwilden HundeBaby
Man trifft ein paar Badegäste, gelegentlich eine handvoll Fischer. Leider hat die kapverdische Regierung Fangrechte an internationale Fischereiflotten verkauft, insbesondere europäische. 500.000€ gibt’s für 5.000 bis 8.000 Tonnen Fisch, vor allem Thun. Ein Schnäppchen! Gleichzeitig holen knapp 4000 Fischer mit handwerklichen Methoden noch etwa 1500 Tonnen aus dem Meer. Die großen Fabrikschiffe schnappen den kleinen Fischern den Fang vor der Nase weg. In den Netzen landet immer weniger.
Fang heute Thunfisch
An den vulkanischen Felsufern im Westen trifft man kaum eine Menschenseele. Zu unbequem und steinig scheint auf den ersten Blick der Weg ins Meer, oft ist die Brandung ungemütlich.
Blick nach Norden Lavaküste westwärts
In den Gezeitentümpeln tummeln sich Seeigel, Krabben und kleine Fische.
Tümpel Tümpel
Oft ist die Lava in fünf-, sechs und mehreckigen Kissen oder Säulen erstarrt. Bizarr!
Auf der paradiesischen Insel Santiago gab es ein Konzentrationslager. Portugals Diktator Salazar hat es 1936 errichten lassen, um hier Regimekritiker wegzusperren. Später wurden auch Kolonialgegner und Aufständische aus Angola, Guinea-Bissau und den Kapverden hierher deportiert.
„O campo da morte lenta“ – Das Lager des langsamen Todes wurde Chao Bom genannt. Viele der unglücklichen Inhaftierten überlebten die schweren Haftbedingungen nicht lang und starben an Zwangsarbeit, Tropenkrankheiten und Mangelernährung. Erst 1974, nach der Nelkenrevolution in Portugal wurde das Lager geschlossen und die Insassen befreit. Viele von ihnen trugen schwere physische und psychische Schäden davon.
Das Tauchen in Tarrafal ist bequem und macht Spaß. Georg von Santiago Diving ist sehr freundlich und die Jungs kümmern sich um alles. Thunfische sieht man am Hausriff Thuna point zwar keine mehr, aber reichlich Kleingetier, wunderschöne Flavonellas und einige Muränen
Frei schwimmender Schlangenaal
Besonders die Schlangenaale gefallen mir!
Tauchen in Tarrafal
Fischsuppe am DropoffMuräneFlötenfischZwei MuränenIgelfisch
Vier Leute sitzen schon drin. Ob wir auch nach Tarafel wollen, fragt der Mann mit dem Basecap. Ja, klar. Ich frage, wieviel es kostet, bin aber nicht sicher, ob ich ihn verstanden habe. 300? Er packt unsere Rucksäcke irgendwie in den Kofferraum, den der Toyota eigentlich gar nicht hat.
Aluguer Toyota Hiace
Wir steigen ein. Die Sonne brennt aufs Dach. Eine Viertelstunde. Eine alte Frau wird von ihrer Begleiterin zu unserem Aluguer geführt. Mit Hilfe schafft sie es, einzusteigen. Ein junger Mann schlendert daher. Außer uns jetzt sieben oder acht Fahrgäste.
Warten
Der Mann, der draußen die ganze Zeit hingebungsvoll mit einem kleinen Pinsel die Scharniere eines Rollstuhls putzt – fährt er auch mit? Ja, offenbar, denn er kauft jetzt panierte Hühnerstücke von einer Händlerin und teilt den Proviant mit der Frau und dem Kind in der zweiten Reihe. Es stinkt. Der Bus wird erst losfahren, wenn er bis zum letzten Platz besetzt ist. Die Sonne brennt immer heißer. Zum Glück schält jemand eine Orange, das riecht gut.
Noch lachen wir
Noch immer zwei Plätze frei. Eine halbe Stunde, eine dreiviertel Stunde. Auf Santiago hat man Zeit. Plötzlich geht es schnell: Ein mittelaltes Paar zwängt sich zu uns. Ob da noch frei ist? Natürlich. Es geht los. Doch halt, da kommen noch zwei Mädels von siebzehn, achtzehn Jahren. Zum Glück sind sie schlank. Der Fahrer schiebt ein Brett in den winzigen Zwischenraum zwischen mir und dem Notsitz neben mir. Nun sitzen wir alle derart dicht eingezwängt, dass sich nichts mehr rührt. Wir fahren. Doch stop, der Junge da mit dem Afro möchte auch noch mit. Den Protest eines Mitreisenden lässt der Fahrer nicht gelten: Für die nächsten eineinhalb Stunden sitzt der etwa fünfzehnjährige halb auf dem Schoß des Protestierers, halb steht er auf dem Trittbrett der Schiebetür.
Siebzehn großteils erwachsene Leute, die meisten groß gewachsene Menschen, drei davon dünne Teenager und ein Mädchen von etwa zehn Jahren, ein klappbarer Rollstuhl, zwei große Travellerrucksäcke und einiges an Kleingepäck passen in den Hiace. Zum Glück ist heute Sonntag, der Markt ist geschlossen. Sonst wären sicher auch noch Hühner und Schweine sowie Kinderbadewannen voller Fisch mit den obligatorischen Fliegen an Bord.
Der Fahrer ist völlig durchgedreht, wir fürchten um unser Leben. Er kennt nur Gas oder Bremse. Zum Glück muss er bei den Speedbumps fast auf Schrittgeschwindigkeit abbremsen. Aber dann geht’s sofort mit Vollgas weiter. Die Straße ist kurvig, meist eng und es führt steil auf und ab. Der Motor heult auf, wenn der Chauffeur herunterschaltet. Keine 500 Meter vor dem Ziel reißt der Mann von der Sitzbank hinter uns das Schiebefenster auf und erbricht sich bei voller Fahrt nach draußen.
900 CVE, etwa 8€ kostet der Höllenritt. Nächstes Mal fahren wir Taxi, auch wenn es zehnmal so viel kostet.
Heute tauchen wir nochmals ein in afrikanische Märkte. Uns scheint, dass die Wirtschaft vor allem von den Frauen getragen wird, sie arbeiten in Geschäften, auf Marktständen, in den Unterkünften. Die Männer sind eher als Taxifahrer, Fischer oder am Bau tätig. Und sehr viele sind untätig. Schon vormittags torkeln Betrunkene auf der Straße herum.
Am Mercado Assomada bekommt man alles vom lebenden Ferkel bis zum kompletten Schlafzimmer. Die Berge mit gebrauchter Kleidung stimmen uns nachdenklich: Stammen die Sachen vielleicht aus unseren Altkleidercontainern daheim?
Sammelsurium an Kleidung
Man hört ja immer wieder, dass unsere Spenden nach Afrika exportiert werden und damit das Geschäft für lokale Hersteller kaputt machen.
Schon einmal von Norberto Tavares gehört? Der Künstler war und ist eine nationale Ikone der Kapverden, seine Musik prägend. Zufällig kommen wir an einem kleinen Museum zu seinem Andenken vorbei.
Norberto Tavares
Zwei Straßen weiter liegt das SOS Kinderdorf der Insel Santiago. Die Mauer sieht einschüchternd aus, immerhin ist sie mit Streetart bemalt.