Durch ein gespaltenes Land?

Seit Längerem schon mache ich mir Sorgen um unsere Gesellschaft. Hetzerische Parolen spalten die Leute, völkisches Gedankrengut verfängt bei Vielen. Die Fußball-WM ist schon längst vorbei, aber: Nicht nur auf dem Weg durch den Spessart fällt auf, dass in so manchen ländlichen Gemeinden immer noch gefühlt bei jedem fünften Haus die Deutschlandfahne herum hängt. Warum nur? Vor ein paar Jahren war das noch nicht so. Ehrlich gesagt, mir haben die Fahnen auch früher nicht gefehlt. Auf der Fahrt durchs flache Land in Richtung Kellerwald wird das Phänomen noch getoppt: Streckenweise stehen improvisierte Fahnenmasten mit der schwarz-rot-goldenen Fahne, daran sind windschiefe Galgen montiert, an denen kleine Traktoren, Gummistiefel oder andere landwirtschaftliche Symbole baumeln. Ich verstehe dies als Protest der Landwirte, kann aber nicht nachvollziehen, was das mit der deutschen Fahne zu tun hat. Offenbar findet hier Unzufriedenheit mit der Politik ihr Ventil. Dabei leben wir in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt. Warum nur sind so viele Leute derart unzufrieden?

In der schönen Stadt Marburg fällt aufmerksamen BesucherInnen sofort auf, dass viele Menschen einen bunten Widerspruch zum Rechtsruck setzen: An jeder Ecke prangen Pride- und Regenbogenfahnen, an den Laternenmasten pappen Antifa-Aufkleber, aus einigen Fenstern hängen Anti-AfD Fahnen. In der Altstadt dominieren Bioprodukte und Weltgewandtheit. Es gibt sogar queere Ampelfiguren! (Siehe Beitragsbild ganz oben) Das bunte Leben und die offene Atmosphäre in der kleinen Universitätsstadt gefällt uns. Wir radeln und spazieren durch die steilen und teils engen Gassen, probieren Hippieklamotten und Fairtradekaffee. Zugleich wundern wir uns auch über Burschenschaften und schlagende Studentenvereine – so etwas gibt es tatsächlich noch. Eine kurze Recherche ergibt, dass es in Marburg an die 30 (!) Studentenverbindungen gibt, von denen mindestens ein Dutzend „pflichtschlagend“ sind. Das heißt, von ihren Mitgliedern wird eine gewisse Anzahl an Mensuren, also Fechtkämpfen gefordert. Diese Corps heißen dann Teutonia, Arminia, Alemannia oder so ähnlich. An ein paar von diesen kommen wir vorbei. Übrigens: Im linken Infoladen wird vor der „Fuxjagd“ dieser Verbindungen gewarnt. Mit der Aussicht auf günstigen Wohnraum stellen die Corps Studienanfängern (sogenannten Füxen) nach, um sie in die Verbindung zu locken.

Ein paar Straßen weiter hängt wieder eine FckAfD Fahne. Ich nehme gerade ein Foto auf, da öffnet sich das Fester und ein junger Mann beginnt zu schimpfen. Es dauert einen Moment, bis ich ihm klarmachen kann, dass mir seine Haltung gefällt und die Situation sich entspannt. Wir unterhalten uns – und stimmen in der Sorge um die politische Lage überein.

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